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Abb. 01: Begleitpublikation des DNK 1975

Abb. 02: Karrikatur aus einer Broschüre von 1956

16.11.2009

Das Eigene entwickeln – Zeitschichten und städtebauliche Denkmalpflege

Im Rahmen der "Initiative Nationale Stadtentwicklungspolitik" fand am 29./30. Oktober 2009 eine Fachtagung zum Thema "Das Eigene entwickeln - Städtebaulicher Denkmalschutz als Kernelement integrierter Stadtentwicklunspolitik. Zielstellungen, Problemfelder, Lösungsansätze" statt.

Prof. Dr. Hans-Rudolf Meier analysierte in seinem Vortrag die unterschiedlichen zeitlichen Bedinungen von Planungskonzepten und  Wertsetzungen der Städte, in deren Zusammenwirken das Eigene der Städte definiert werden könne. Seinen spannenden Vortrag hat er dankenswerter Weise dem DNK zur Verfügung gestellt.

 

Abb. 01:
Mit einfachen Gegensätzen hat sich die Denkmalpflege 1975 städtebaulich profiliert: Umschlagbild der Begleitpublikation zur Wanderausstellung des DNK 1975.

Abb. 02:
Was heute als Leitbild gilt, wurde 1956 noch karrikiert: Ausschnitt einer Broschüre aus dem Jahr 1956 gegen die verhasste Un-Stadt des 19. Jahrhunderts.

 

 "Angesicht meiner Aufgabe, das Thema pointiert zusammenzufassen, erscheint mir das Zeitschichten-Modell in zweifacher Hinsicht besonders geeignet, um den wichtigsten Aspekt einer unter dem Motto der Entwicklung des Eigenen agierenden zukunftsgerichteten städtebaulichen Denkmalpflege zu diskutieren: Das Eigene in seiner Vielschichtigkeit zu erkennen und dann so zu handeln, dass möglichst viele Optionen für die Zukunft erhalten bleiben.
Der städtebauliche Denkmalschutz sei erwachsen geworden, hat man angesichts des im kommenden Jahr zwanzigjährigen Jubiläums des gleichnamigen Bund-Länder-Programms konstatiert. Damit ist die Zeitlichkeit der urbanistisch ausgerichteten Denkmalpflege angesprochen und es wird postuliert, dass wir gegenwärtig in eine neue Phase, eine neue Zeitschicht treten. Mit der Ausweitung von Instrumentarien, die seit der Wende im Gebiet der ehemaligen DDR erprobt wurden, auf das gesamte Bundesgebiet, kann man diesem Befund zweifellos zustimmen. Begriffsgeschichtlich betrachtet ist die städtebauliche Denkmalpflege aber gewissermaßen in den besten Jahren, ist die Bezeichnung doch vor knapp 35 Jahren erstmals belegt. Nach Vorläufern wie der drei Jahre früher nachweisbaren „urbanistischen Denkmalpflege“ erscheint der Begriff im Jahre 1975 im ersten Denkmalschutzgesetz der DDR. Im selben Jahr scheint ihn der Planer Peter Zlonicky an einer Tagung der Landesdenkmalpfleger auch in der BRD verwendet zu haben. (1) Nicht zufällig wurde der Neologismus damit im sog. Europäischen Denkmalschutzjahr geprägt, als die Hinwendung der Denkmalpflege zu städtebaulichen Anliegen publikumswirksam vermittelt wurde und ein etwa zehnjähriger, wesentlich von Bürgerinitiativen ausgelöster und getragener Prozess damit seinen Höhepunkt erreichte.

Ohne nun hier die ganze Geschichte aufrollen zu wollen, sei doch darauf hingewiesen, dass sich im 20. Jahrhundert bereits ältere Schichten denkmalpflegerischer Auseinandersetzung mit der Stadt feststellen lassen: Zu erinnern ist insbesondere an das erste Jahrzehnt nach 1900, in dem zugleich mit der Formulierung wesentlicher Grundsätze der modernen Denkmalpflege überhaupt auch die Stadt als Objekt der Denkmalpflege erkannt wurde. Am Tag für Denkmalpflege 1905 in Bamberg beispielsweise hob Paul Jonas Meier den Denkmalwert des Stadtgrundrisses hervor: „Wenn ich um meine Meinung befragt würde, welchem ‚Denkmal’ einer beliebigen Stadt, (...) seiner ganzen geschichtlichen Bedeutung nach der Platz an erster Stelle gebührt, so würde ich ohne weiteres Besinnen sagen: dem Grundriß der Stadt mit dem Lauf ihrer Straßen, der Lage und Gestalt ihrer Plätze, dem Zuge der Stadtmauern. Denn die innere und äußere Geschichte einer alten Stadt findet eigentlich auch in dem prächtigsten Dom oder dem schönsten Rathause lange nicht in dem Maße ihren klaren und unzweideutigen Ausdruck, wie in dem Stadtplan, der eine Fülle von geschichtlichen Aufklärungen enthält. Man kann vielleicht sagen, der Grundriß einer Stadt ist die monumentalste Urkunde ihrer Geschichte.“(2) Gleichzeitig bemühte man sich, unterstützt vom damals rasch aufkommenden Heimatschutz, um die Bewahrung von Stadtbildern. Bereits 1907 resultierte daraus in Preußen – 1909 dann auch in Sachsen – das erste Gesetz, das quasi Postulate städtebaulicher Denkmalpflege aufgreift: das „Gesetz gegen die Verunstaltung von historisch bedeutenden Ortschaften und landschaftlich hervorragenden Gebieten“, das sog. Verunstaltungsgesetz, das man in gewisser Weise als Vorgänger der heute über Gestaltungssatzungen regulierten Ortsbildpflege betrachten kann.

Als nächste Zeitschichten denkmalpflegerischer Tätigkeit für die Stadt wären aus den Jahrzehnten unmittelbar vor und nach dem Zweiten Weltkrieg die Konzepte der „Stadtgesundung“/Stadtsanierung und der „Traditionsinseln“ in der funktionsgetrennten Stadt zu nennen. Diese Konzepte mögen aus heutiger Sicht als denkmalpflegerisch unzulänglich erscheinen, doch ist auch dabei die damalige Situation mit den tatsächlichen Problemen in den historischen Stadtkernen zu beachten. Außerdem zeigen manche der gegenwärtigen Rekonstruktionsbemühungen (etwa Dresdens Neumarkt oder die Planungen zur Neuen Altstadt in Frankfurt/M), dass das Konzept der Traditionsinseln eine merkwürdige Renaissance erfährt. Erneut geht es explizit um die Schaffung historisch anmutender „Sonderzonen“(3), um die herum sich die – weiterhin autogerechte – spätmoderne City frei entfalten kann.
Als Zeitschichten städtebaulichen Denkmalschutzes lassen sich inzwischen auch die verschiedenen einschlägigen Initiativen und Programme der letzten beiden Jahrzehnte seit 1989 fassen.

Über das rein Historische hinaus sind die unterschiedlichen Zeitschichten unserer Disziplin vor allen deshalb von Interesse, weil sie auch unterschiedliche Zeitschichten der als schutzwürdig erachteten Objekte und städtebaulichen Strukturen repräsentieren. Nicht nur die Denkmalpflege und nicht nur die Stadt verändert sich, sondern auch der Blick auf diese. Unterschiedliche Zeitschichten städtebaulicher Denkmalpflege haben jeweils unterschiedliche Phasen städtischer Entwicklung im Fokus. Lange Zeit galt das bewahrende Interesse einzig der vormodernen Stadt; explizit richtete sich das im frühen 20. Jahrhundert aufkommende Bemühen um den Schutz erhaltenswerter städtischer Strukturen gegen die damals jüngste Zeitschicht, die Stadt der Gründerzeit. Diese Abneigung gegen die Stadt des Historismus und die gründerzeitlichen Stadterweiterungen hielt sich sehr lange, und selbst die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wurden in West und Ost nicht zuletzt als Chance gesehen, nun endlich mit dieser verachteten Stadt aufzuräumen. Erst in den 1960er Jahren setzte ein Umdenken ein und erfolgte die „Entdeckung“ der Stadt der Gründerzeit, und zwar zuerst vor allem als günstiger und vielseitig nutzbarer, anpassungsfähiger Wohn- und Arbeitsraum. Inzwischen ist die hauptsächlich gründerzeitlich geprägte Stadt um 1900 für viele zum Inbegriff der sog. Europäischen Stadt geworden. Als solche liefert manchenorts diese Stadt die Planungsziele für sog. Stadtreparaturen, und zwar – wie das Beispiel der Prager Straße in Dresden zeigt – zuweilen auch gegen konsistente Planungen jüngerer Zeit, deren Denkmalwürdigkeit leicht belegbar wäre.(4)

Das Problem ist, dass damit eine Zeitschicht der städtischen Entwicklung als normativ präferiert wird und dabei aus dem Blick gerät, dass der eben rudimentär skizzierte Wandel sich selbstverständlich fortsetzen wird. Über ein halbes Jahrhundert waren sich die Denkmalpfleger mit den Planern und wohl weiten Teilen der Bevölkerung in der entschiedenen Ablehnung der Stadt der Gründerzeit einig, bevor dann in den 1970er Jahren die ebenso radikale Wendung zur Ablehnung der Moderne (insbesondere der späten Moderne der Nachkriegszeit) erfolgte. Da – anders als 1992 von Francis Fukuyama prognostiziert – das Ende der Geschichte noch nicht gekommen ist, können wir sicher sein, dass ein nächster turn folgen wird und kommende Generationen eine nochmals andere Sicht auf die Dinge haben werden. Wir sollten uns bewusst sein, dass die Argumente, die wir in den letzten Jahrzehnten gegen die Planungskonzepte der Moderne ins Felde führten, dereinst ebenso zeitgebunden erscheinen, wie jene, mit denen man die Stadt der Moderne gegen die Unzulänglichkeiten der alten Stadt propagierte. Das heißt weder im einen noch im andern Fall, dass die Argumente völlig falsch sind – denn selbstverständlich waren die historischen Altstädte vor den Sanierungen gesundheitliche, soziale und wirtschaftliche Problemgebiete –, nur sollte man die eigene Sicht nicht absolut setzen. Diese Feststellung ist zwar trivial und eigentlich selbstverständlich, scheint aber doch immer dann, wenn es darum geht, eigene Vorstellungen und Planungsziele zu relativieren, leicht ausgeblendet zu werden.
Nachhaltige Stadtentwicklung würde aus dieser Sicht nicht zuletzt bedeuten, die Korrigierbarkeit der eigenen Ziele in den Planungen als Option mitzudenken. Erst eine solche Verfahrensweise bedeutete eine Abkehr von den zu Recht kritisierten Planungsmethoden und -zielen der Moderne, die vollständige und endgültige Lösungen anzubieten glaubten. Eine neue Sicht, die Veränderbarkeit mitbedenkt, würde auch für jene Empfehlung in der Leipziger Charta gelten, welche die Formulierung konsistenter Entwicklungsziele und die Entwicklung einer Vision für die Stadt vorsieht. Die Vision wäre dann erklärtermaßen das, was Entwicklungsziele immer und auch dann sind, wenn das nicht reflektiert wird: eine in einem ganz bestimmten Moment und unter ganz bestimmten Bedingungen ins Auge gefasste Option für die Zukunft. Vision kann auch als Narrativ, als eine Weise, die Stadtgeschichte zu erzählen, verstanden werde. Die angesprochene Offenheit und Korrigierbarkeit würde dann bedeuten, zuzulassen, dass auch eine ganz andere Geschichte der Stadt erzählt und erfahren werden könnte.

Die meisten unserer Städte sind das Produkt unterschiedlicher Planungskonzepte, die man nicht nur hinter-, sondern auch neben- und nicht selten gegeneinander umzusetzen versucht hat. Die Stadtbaugeschichte insbesondere des 20. Jahrhunderts lässt sich als Folge versuchter Anpassungen der Stadtstruktur an das jeweils gerade aktuelle Leitbild der Stadtplanung verstehen: Von der Gartenstadt, über die funktionalistische, gegliederte, aufgelockerte, organische, autogerechte oder verdichtete zur nachhaltigen, revitalisierten, kompakten oder perforierten Stadt, um nur ein paar der jeweils mit Planungs- und Gestaltzielen verknüpften Stich- und Schlagworte zu nennen.(5)
Die Veränderungen der Städte spiegeln also Veränderungen von Schwerpunkten, Zielen und Wertmaßstäben. „Ein großer Teil der Wandlungen stammt dabei aus der Ermüdung am vorher Gängigen.“(6) Gerade in ihrer Abfolge und Beziehungen sind die städtebaulichen Leitbilder des 20. Jahrhunderts selbstredend bedeutende Zeugnisse für die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts und die materiellen Spuren dieser Leitbilder damit zweifellos denkmalwürdig. Dass uns im Rückblick viele der Prämissen und Planungsziele als falsch erscheinen, ändert nichts an ihrem Denkmalwert. Auch gilt es zu bedenken, dass – mit Ausnahme der totalitären Planungen etwa eines Albert Speer – praktisch alle diese Leitbilder mit dem Anspruch verbunden waren, die Stadt zu verbessern und sie den Bedürfnissen der Menschen der jeweiligen Gegenwart und Zukunft anzupassen. Der Wandel der Bedürfnisse und die veränderte Sichtweise führten dann zum Wechsel der Planungsleitbilder und zur gewandelten Einschätzung der früheren Ideale.
Das heißt nun nicht, dass wir alles Bestehende für gut und richtig erklären sollten, nur weil es selbstverständlich stets in irgendeiner Weise Zeugnis seiner Zeit ist. In der städtebaulichen Denkmalpflege stellt sich – wie für die Denkmalpflege überhaupt – immer die Bewertungs- und Qualitätsfrage. Nicht alles, sondern nur das, was aus definierbaren Gründen und im öffentlichen Interesse als schützenswerte erachtet wird, ist denkmalwürdig. Das gilt auch für Denkmalpflege im Rahmen von Stadtentwicklungsprozessen. Allerdings hat sie zuerst nach ihren eigenen Qualitätskriterien – der Begründbarkeit der Denkmalwürdigkeit – zu verfahren, die sich bekanntlich weder mit allgemeinen Schönheitsvorstellungen noch mit gerade aktuellen Planungsparadigmen decken müssen. Die Interessen, die zur Überformung der Zeugnisse vergangener Leitbilder drängen, sind naturgemäß oft ebenso kurzlebig, wie es diese selber waren. Dass dies auch für unsere aktuellen Auseinandersetzungen gilt, versteht sich. Wenn also beispielsweise Peter Bürger zur Erklärung der gegenwärtigen Rekonstruktionswelle bemerkt, man habe die Trostlosigkeit der wiederaufgebauten Städte erst mit großer Verzögerung wahrgenommen(7), so ist im Analogieschluss nicht unwahrscheinlich, dass man sich in wenigen Jahrzehnten mit Verspätung über das Verhalten unserer Zeit – möglicherweise über die Mutlosigkeit – wundern wird.

Das erste der fünf von Walter Siebel definierten Kennzeichen der sog. Europäischen Stadt ist die „Präsenz von Geschichte im Alltag des Städters.“(8) Diese in der Stadt sichtbare Geschichte ist ganz wesentlich eine Geschichte der Stadtkonzepte des 20. Jahrhunderts. Eine sehr charakteristische Eigenschaft unserer Städte ist daher das Nebeneinander diverser Konzepte. Ihre jeweils spezifische Mischung und ihr jeweils spezifisches Reagieren auf das zuvor und bereits Bestehende ist das, was das Eigene unserer Städte ausmacht. Dieses Eigene aus dem Bestand zu entwickeln, setzt voraus, die Geschichte in ihrer ganzen Vielfalt zu akzeptieren. Und das heißt heute ganz wesentlich, uns mit jener Hälfte unseres Baubestands und mit jenen städtebaulichen Konzepten zu beschäftigen, die aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg stammen. Es sind – das sei nicht vergessen – jene Bauten, Strukturen und Planungen, die in West und Ost den erklärten Willen zum Aufbruch in eine bessere Zukunft nicht nur bezeugen, sondern kulturell mitprägten. Zu Recht hat Gerhard Matzig dazu jüngst bemerkt: „Ob man die Hinterlassenschaft dieser Ära nun mag oder nicht: Sie sind raumbildend, identifikatorisch wirksam und fest verankert im kollektiven Gedächtnis der Städte. Dies zu ignorieren wäre, zu schweigen von Fragen der Nachhaltigkeit, eben das, was man den Bauten und Stadträumen der Moderne vorwirft: Geschichtsvergessenheit.“(9)
So geht es heute darum, diese Nachkriegskonzepte auf ihre Denkmalwürdigkeit zu überprüfen und sie dann entsprechend in zukünftige Planungen einzubetten. Dafür ist ein weiteres Umdenken nötig, dem freilich jene Bilder entgegenstehen, mit denen die Denkmalpflege 1975 ihre Hinwendung zum Städtebaulichen erfolgreich propagierte und die sich in den Köpfen Vieler, deren Interesse damals geweckt worden ist, eingeprägt haben. Man bediente sich zur Popularisierung des Gedankens des städtebaulichen Denkmalschutzes einer Bildrhetorik, die mit einfachen Gegensätzen operierte und sich letztlich stets gegen Planungen und Bauten der jüngsten Vergangenheit richtete. Die erfolgreiche Wanderausstellung des damals gegründeten Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz und die zugehörige Begleitpublikation zeigen dies deutlich: Auf dem Cover werde die Hochhäuser des Frankfurter Westends der Bamberger Altstadt und im Innern der Broschüre unter anderem das Märkische Viertel in Berlin dem Fachwerkdorf Freudenberg im Siegerland gegenübergestellt.(10) Viele der frühen Hochhäuser in Frankfurt sind inzwischen bereits wieder abgebrochen – zum Teil gegen den Widerstand der Denkmalpflege – und Gottfried Böhms Benzberger Rathaus, das mit der polemischen Frage „Eine gelungene Synthese?“ als Beispiel verfehlten Modernismus abgebildet war, ist heute Sitz der Bergisch Gladbacher Denkmalschutzbehörde und denkmalgerecht in Stand gesetzt.
Ist der Denkmalwert einzelner Bauten der Nachkriegszeit also inzwischen zumindest in der Fachwelt einigermaßen anerkannt, haben es städtebauliche Konfigurationen noch immer sehr schwer. Aber warten und darauf zählen, dass mit der üblichen Generationsverzögerung dann auch diese Konzepte des Wiederaufbaus wieder anerkannt und geschätzt werden, hilft in diesem Fall vielfach nicht weiter. Denn da gegenwärtig die technisch oft aufwändigen Sanierungen vieler dieser Bauten ansteht und unter dem Label „Stadtreparatur“ auch gegen durchaus schlüssige und gelungene Konzepte des Wiederaufbaus vorgegangen wird, besteht die Gefahr, dass diese Zeitschicht, die die meisten unserer Städte so wesentlich prägt und für die Ablesbarkeit der Geschichte der Bundesrepublik zentral ist, abgetragen ist, bevor ihre Bedeutung allgemein anerkannt wird.

Den zweiten Punkt, der mir im Zusammenhang mit dem Entwickeln des Eigenen ganz wesentlich erscheint, kann ich kürzer fassen. Wenn vom Eigenen gesprochen wird, so impliziert das – meist unausgesprochen – stets auch ein Anderes, ein Gegenüber, vor dem sich das Eigene erst als solches abhebt.(11) Nun geht es hier nicht darum, dieses Thema auf einer allgemeinen philosophischen Ebene zu vertiefen und einen Identitätsdiskurs zu führen, sondern um eine für die Stadtentwicklung sehr zentrale Frage: Was heißt das Eigene entwickeln und dabei zugleich das Fremde und Neue zuzulassen?
In einer sich zunehmend ausdifferenzierenden Gesellschaft und in einer die soziale Kohärenz nicht eben fördernden Zeit, gewinnt die Integrationsfrage für die Zukunft unserer Städte an Bedeutung. Die Stärkung urbaner Identitäten hat integrativ zu sein – daher im Plural! – und darf nicht exkludierend wirken. Das Eigene muss von den Bewohnern – und zwar von unterschiedlichen Gruppen – als das Ihre erkannt und akzeptiert werden.
Nun ist Stadtgeschichte immer auch die Geschichte der Integration neuer Gruppen, und Stadterweiterungen sind Zeugnisse für den Zuzug neuer Schichten in die Stadt. Siebels zweiter Punkt zur Definition der Europäischen Stadt ist denn auch: „Stadt als wie immer utopisches Versprechen auf ökonomische und politische Emanzipation.“(12) Das gilt nicht zuletzt für die angesprochenen Stadtkonzepte des 20. Jahrhunderts und insbesondere für die Nachkriegsplanungen, die ja auch baukulturelle Zeugnisse der Demokratisierung der Gesellschaft sind. Neue Schichten, die am gesellschaftlichen Leben partizipieren, bedeuten immer auch neue Orte, die als das Eigene und ggf. als schutzwürdig erachtet werden. Das gilt genauso für die Integrationsprozesse, die unseren Städten noch bevorstehen. In diesem Zusammenhang lohnt es sich, die Erfahrungen in den USA zu studieren, wo Fragen der Orte verschiedener ethnischen Gruppen die Fachdiskussionen seit einiger Zeit ganz wesentlich prägen.(13)
Ich möchte also auch diesen Abschnitt, wie jenen zur zeitlichen Abfolge, als ein Plädoyer für ein pluralistisches Verständnis von Stadtgeschichte und für ein integratives Konzept des Eigenen verstanden wissen. Abschließen möchte ich mit einem der Schlusssätze aus dem bereits zitierten SZ-Artikel von Gerhard Matzig: „Die Zukunft der Städte wird ohne Vergangenheit nicht zu haben sein. Aber auch nicht ohne die Vergangenheit der Zukunft.“(14)

Anmerkungen:

1) Peter Zlonicky: Leitbilder der Denkmalpflege und Planungsrealität, in: Denkmalpflege 1975. Dokumentation der Jahrestagung der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland, Goslar, 15.–20. Juni 1975 (Arbeitsheft zur Denkmalpflege in Niedersachsen), Hannover 1976, S. 213–223. Die „urbanistische Denkmalpflege“ bei Uwe K. Paschke: Die Idee des Stadtdenkmals. Ihre Entwicklung und Problematilk im Zusammenhang des Denkmalpflegegedankens (Erlanger Beiträge zur Sprach- und Kunstwissenschaft Bd. 45), Nürnberg 1972.

2) Paul Jonas Meier: Über die Erhaltung alter Straßennamen, ein vergessenes Gebiet der Denkmalpflege, in: Sechter Tag für Denkmalpflege, Bamberg 1905. Stenographischer Bericht, Berlin 1906, S. 46.

3) Der Begriff nach Gerhard Vinken: Gegenbild – Traditionsinsel – Sonderzone. Altstadt im modernen Städtebau, in: Ingrid Scheurmann / Hans-Rudolf Meier (Hg.): Echt – alt – schön – wahr. Zeitschichten in der Denkmalpflege, München, Berlin 2006, S. 190–201.

4) Zu Begriff, Geschichte und zur Problematik von Stadtreparaturen vgl. Hans-Rudolf Meier: Stadtreparatur und Denkmalpflege, in: Die Denkmalpflege 66, 2008/2, S. 105-117.

5) Vgl. das anschauliche Schema der Abfolge und Bezüge der Konzepte für die Bundesrepublik von Heinz Heineberg: Stadtgeographie. 3. verb. Aufl. Paderborn 2006, Abb. 5.23.

6) Robert Kaltenbrunner: Dialektische Einheit. Bewahren, Interpretieren und Erneuern im heutigen Städtebau, in: Strategien für historische Stadtzentren. Informationen zur Raumentwicklung (2005), Heft 6, S. 357-364, hier S. 362.

7) Peter Bürger: Moderne – Identität – Rekonstruktion, in: Identität durch Rekonstruktion? Positionen zum Wiederaufbau verlorener Bauten und Räume. Dokumentation der Baukulturwerkstatt vom 16. Oktober 2008 im Bärensaal des Alten Stadthauses in Berlin, hg. vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Berlin 2009, S. 22–29, hier: S. 24

8) Walter Siebel: Einleitung: Die europäische Stadt, in: ders. (Hg.): Die europäische Stadt, Frankfurt a.M. 2004, S. 11-50, hier: S. 18. Die anderen sind:
„Stadt als wie immer utopisches Versprechen auf ökonomische und politische Emanzipation, Stadt als der besondere Ort einer urbanen Lebensweise, das überkommene Bild von der Gestalt der europäischen Stadt und schließlich ihre sozialstaatliche Regulierung.“

9) Gerhard Matzig: Unser aller Plattenbau. Mit dem Geschimpfe über die Nachkriegsarchitektur muss langsam Schluss sein. Sie ist ein Teil unserer Geschichte – und Identität, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 245, 24./25. Oktober 2009, Seite V2/4.

10) Eine Zukunft für unsere Vergangenheit. Denkmalschutz und Denkmalpflege in der Bundesrepublik Deutschland. Katalog zur Wanderausstellung 1975-1976 im Auftrag des Deutschen Nationalkomitees für das Europäisches Denkmalschutzjahr vorbereitet vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, München 1975, S. 19f.

11) Dazu mit dem Fokus auf denkmalpflegerisch relevante Fragen: Marion Wohlleben (Hg.): Fremd, vertraut oder anders? Beiträge zu einem denkmaltheoretischen Diskurs, München/Berlin 2009.

12) Vgl. Anm. 8.

13) Ohne auf die umfangreiche Spezialliteratur einzugehen, seien hier nur beispielhaft zwei Werke zitiert, die sich mit der Zukunft der (US-amerikanischen) Denkmalpflege generell beschäftigen: Robert E. Stipe (Hg.): A Richer Heritage. Historic Preservation in the Twenty-first Century, Chapel Hill / Londen 2003; Ned Kaufmann: Place, Race, and Story. Essays on the Past and Future of Historic Preservation, New York 2009; vgl. auch die Beiträge zum „postnationalen Denkmalbegriff“ in: Birgit Franz / Gabi Dolff-Bonekämper (Hg.): Sozialer Raum und Denkmalinventar. Vorgehensweisen zwischen Erhalt, Verlust, Wandel und Fortschreibung (Veröffentlichungen des Arbeitskreises für Theorie und Lehre der Denkmalpflege e.V., Bd. 17, Dresden 2008, S. 83ff.

14) Vgl. Anm. 9.
 

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