07.11.2011
Stellungnahme der Forschungsallianz Kulturerbe zur Situation der materialkundlichen Forschung zum Erhalt des Kulturellen Erbes
Mit diesem Aufruf möchten wir auf ein drängendes Desiderat in der deutschen Forschungslandschaft – die materialkundliche Forschung zum Erhalt des kulturellen Erbes - aufmerksam machen.
Die Forschung zur Erhaltung des kulturellen Erbes ist in Deutschland in den letzten Jahren dramatisch in den Hintergrund gerückt, wenn nicht gar vergessen worden. Die 2008 gegründete Forschungsallianz Kulturerbe - gemeinsam getragen von der Fraunhofer-Gesellschaft, der Leibniz-Gemeinschaft und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist ernsthaft besorgt um die Zukunft dieses Forschungssektors, denn Kulturerbeerhaltung und die dafür benötigte Forschung sind keine temporären sondern andauernde Aufgaben.
Das kulturelle Erbe Deutschlands, vom Limes über den Kölner Dom und die Gemälde und Zeichnungen Dürers bis hin zur Industriekultur im Ruhrgebiet und den Kunst- und Designexperimenten des 20. Jahrhunderts, ist uns allen wohl vertraut und in seiner Existenz scheinbar selbstverständlich. Es bildet schlicht einen großen Teil unserer kulturellen Identität. Dabei ist es aber von viel größerer Fragilität als es der äußere Anschein – stabile Bauten oder sichere Lagerung im Museum bzw. Archiv ausdrücken mag. Die Objekte des kulturellen Erbes sind einem stetigen Verfall unterworfen, der nur durch eine ständige Begutachtung und Pflege sowie gezielte Eingriffe aufgehalten oder zumindest verlangsamt werden kann. Es steht in einer Welt im Wandel, in der immer wieder neue Einwirkungen zu berücksichtigen sind. Klimaveränderung und daraus resultierende Prozesse eines veränderten Umgangs mit der Energie aber auch neue Materialien müssen als Chance und Risiken für das Kulturgut abgewogen werden. Dies geht nur bei kontinuierlicher materialkundlicher Konservierungsforschung, die mit dem Wandel unserer Zeit Schritt hält.
Das kulturelle Erbe gehört zu den nicht erneuerbaren Ressourcen unserer Erde, mit denen nachhaltig umgegangen werden muss. Die heutige Generation hat kein Recht diese Ressourcen zu verschwenden und nachfolgenden Generationen ein Deutschland und Europa ohne "originale " Kulturgüter zu hinterlassen - gerade in Zeiten des Internets wächst die Sehnsucht nach dem Original. Wir können es uns nicht mehr leisten als Wegwerf- und Konsumgesellschaft zu leben, sondern müssen nachhaltig als reparierende und bewahrende Gesellschaft agieren. Deutschlands und Europas Zukunft kann ohne diese grundlegende Basis nicht gestaltet und seine Schönheit und Einmaligkeit nicht erhalten werden. Ohne intensive Forschungsanstrengungen kann den heutigen und zukünftigen Herausforderungen im Bereich des Kulturgüterschutzes nicht angemessen begegnet werden.
Als Thema mit einer eindeutig kulturellen Begründung aber natur- und ingenieurwissenschaftlichen Methodenentwicklungen benötigt die materialkundliche Forschung zur Erhaltung des kulturellen Erbes ein ausreichendes Förderinstrumentarium, um die von ihr erwarteten Ziele, die nachhaltige Sicherung des deutschen Kulturerbes, auch tatsächlich erreichen zu können. Dieses Problem muss in seiner ganzen Breite endlich erkannt werden, es müssen Ressourcen zur Verfügung gestellt und ein zentraler Ansprechpartner für die Forschung – in unseren Augen im BMBF - benannt werden.
Natürlich ist uns die Zuständigkeit der Länder in Kulturfragen bewusst, aber die materialorientierte Kulturgut-Forschung kann nicht auf die Länderschultern allein gelegt werden, hier ist eine nationale Strategie unbedingt notwendig, zu der auch die Europäische Union nachdrücklich auffordert (2010/238/EU).
In einem ersten Schritt schlagen wir die Durchführung einer nationalen Konferenz mit internationaler Beteiligung zur Ermittlung des Status Quo sowie der Potentiale und Herausforderungen der deutschen Forschung zur materiellen Erhaltung des kulturellen Erbes vor.
Ein wichtiger Aspekt der Konferenz besteht auch in der besseren Vernetzung der Akteure im Bereich der Kulturerbeforschung. Was in anderen europäischen, z.T. deutlich kleineren Ländern als Deutschland, eine Selbstverständlichkeit ist, nämlich ein großes nationales Zentrum zur materialkundlichen Forschung für den Kulturerbeerhalt, wurde im föderalen Deutschland bisher nicht verwirklicht. Die Überlegung einer Vernetzung der verschiedenen deutschen Forschungseinrichtungen, die sich mit entsprechenden Forschungsfragen beschäftigen, zu einem „Deutschen Forschungsinstitut der Kulturerbeforschung“ wäre eine logische Fortsetzung in der Entwicklung einer nationalen Strategie unter Einbindung aller Akteure und ein wesentlicher Beitrag zur angestrebten Entsäulung der Wissenschaft.
Die Forschungsallianz, als eines der Sprachrohre der deutschen Konservierungswissenschaft, tritt außerdem für die Schaffung eines kompetitiven nationalen Rahmenprogramms am BMBF zur Förderung der Konservierungsforschung ein. Dieses sollte sich schwerpunktmäßig mit den derzeit größten Herausforderungen befassen, die von der Forschungsallianz Kulturerbe u.a. definiert wurden als:
- Auswirkungen des Klimawandels auf historische Gebäude und deren Sammlungen
- Entwicklung und Validierung insbesondere zerstörungsfreier Test- und Prüfverfahren, reproduzierbare Quantifizierung von Erhaltungszuständen
- Dekontamination von mit Pestiziden belastetem Kunst- und Kulturgut
- Weiterentwicklung der Plasmatechnologie und Adaption zur Reinigung und Konservierung von Kunst- und Archivgut
- Entwicklung kompatibler und energie-effizienter Klimakonzepte für Museen und Sammlungen
- Erforschung von Alterungsverhalten und Beständigkeit der Materialien des Kunst- und Kulturguts des 20. Jahrhunderts
- Weiterentwicklung der Grundlagenforschung auf dem Gebiet der präventiven Konservierung
- Entwicklung neuer Digitalisierungstechnologien zur digitalen Bestands- und Kulturerhaltung.
Neben der nationalen Strategie in der Frage der Forschung zum Kulturerbeerhalt ist aber auch Deutschlands Engagement in dieser Frage in Europa von entscheidender Bedeutung. Deutschland ist derzeit an der Joint Programming Initiative „Cultural Heritage and Global Change: a new challenge for Europe“ der Europäischen Kommission ausschließlich durch zwei der Sprecher der Forschungsallianz mit einem Beobachterstatus vertreten. Ist das ausreichend um die Position Deutschlands als führende Technologie- und Kulturnation zu sichern? Wir bezweifeln das. Aber ohne nationale Basis ist auch in Europa kein aussichtsreiches Engagement deutscher Forscher möglich.
Forschung zum Erhalt des Kulturerbes muss interdisziplinär ausgerichtet sein. Sie muss alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit (Ökologie, Ökonomie und Gesellschaft) integrieren, um die immensen Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen. Diese Forschung wird ihren Beitrag leisten, zum demografischen Wandel, zur Energie- und Ressourceneffizienz (z.B. bei historischen Gebäuden und Museen), zur Erhaltung von traditionellen und Schaffung neuer Arbeitsplätze (z.B. im Bereich der Tourismusindustrie oder Restaurierung und Konservierung - diese Arbeitsplätze können nicht exportiert werden)und natürlich zur Innovation (z.B. Einführung neuer Technologien wie Laser-, Plasma-, Bio-, oder Nanotechnologie in diesem Bereich durch KMUs).
Im besonderen Fokus steht dabei auch die Aus- und Weiterbildung sowie die Förderung und Sicherung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Ohne junge, motivierte Forscher, die die Chance zum internationalen Aufstieg bekommen, wird Deutschland den Anschluss an den Stand der Technik verlieren.
Wir bitten daher - auch im Namen der Gemeinschaft der Wissenschaftler in der deutschen Konservierungsforschung - um Unterstützung unserer dringenden Anliegen, auch und gerade in den kommenden Haushaltsberatungen des Deutschen Bundestags.
Berlin, den 1. November 2011
Dr. Stefan Brüggerhoff (Leibniz-Gemeinschaft)
Prof. Dr. Stefan Simon (Stiftung Preußischer Kulturbesitz)
Dr. Johanna Leissner (Fraunhofer-Gesellschaft)
