19.10.2007
„Tourismus und Denkmalpflege – Chancen und Risiken – erfolgreiche Wege?
Die Zahlen, die der Deutsche Tourismusverband e.V. für das Jahr 2006 vorlegt, zeigen, dass Deutschland für Deutsche das Tourismusziel Nr. 1 ist, Tendenz steigend. Allein die Städtereisen sind ein boomender Markt: 82 Städte über 100.000 Einwohner verzeichneten 2006 88,3 Mio. Übernachtungen. Mit Fug und Recht ist davon auszugehen, dass gut gepflegte historische Stadtkerne mit ihren wertvollen Einzeldenkmälern dabei eine besondere Attraktion sind.
Prof. Dr. Manfred F. Fischer hat den nachfolgenden Vortrag*) zum Verhältnis von Tourismus und Denkmalpflege auf dem Herbstsymposion der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten (19. bis 20. Oktober 2007) auf Schloss Friedenstein in Gotha gehalten und den „DSI“ freundlicher Weise zum Abdruck zur Verfügung gestellt.
„Zum Abschluss des Herbstsymposions möchte ich mich lösen von der Systematik der bereits behandelten Themen und zum Übergreifenden zurückkehren. Ich fühle mich hierzu durchaus berufen, da mir als Kunsthistoriker und Denkmalpfleger die einschlägigen Fragen und Probleme eng vertraut sind, vor allem aber da ich auch in meinem Privatleben bis heute fast immer das Privileg hatte - man kann es auch ein zweifelhaftes Privileg nennen, - an Orten zu wohnen, die durch ein hohes touristisches Interesse strukturiert sind. Zur inhaltlichen kommt also auch eine bisweilen sehr persönliche Betroffenheit.
Seit 1986 wird das Thema der Berührungspunkte zwischen Denkmalpflege und Tourismus bei Tagungen diskutiert, seit 1988 bin ich selbst daran beteiligt und habe es immer wieder aufgenommen, an wechselnden Orten und mit wechselnden Schwerpunkten. Insgesamt findet man bei der Recherche in guten Bibliotheken sechs einschlägige Titel, meist Publikationen von Tagungen und Kongressen, so 1986, 1988 und 1990 in Trier, 1992 in Davos und 2000 in Luzern. Hinzu kommen zwei Vorträge, die ich selbst 2000 und 2002 bei der Denkmalmesse in Leipzig gehalten habe, sowie zwei eigene Referate bei der Jahrestagung der Landesdenkmalpfleger 2004 in Schwerin und Bad Doberan, beide noch ungedruckt. Darüber hinaus kann man alle aktuelle Beispiele und Problemschilderungen ohne größere Spezialrecherche der Tagespresse und den üblichen Agenturmeldungen entnehmen.
In der Fachzeitschrift der deutschen Denkmalpfleger hat sich der Blick auf den Aspekt des Tourismus bei der denkmalpflegerischen Arbeit lange Zeit nur peripher niedergeschlagen, niemals als Hauptthema. Erstmals wurde der Themenkomplex dann 2004 bei der Jahrestagung der Landesdenkmalpfleger in Mecklenburg-Vorpommern erörtert. Inzwischen wird er als wichtiger Seitenaspekt denkmalpflegerischen Handelns immer öfter diskutiert.
Wer sich nun so lange schon immer wieder mit dem Themenkomplex befasst hat, wer die fast immer wieder gleich bleibenden Fragen und Antworten bis zum Überdruss wiederholt bekam, leider auch die gleichen Erfahrungen von Vergeblichkeit gemacht hat, den so oft versuchten Dialog also nur selten in Gang bringen konnte, der muss daraus einige Schlüsse ziehen: Ich muss hierzu wohl oder übel einige Dinge wiederholen, die ich schon früher gesagt habe. Es geht dabei offenbar um unterschiedliche Sichtweisen, die ganz deutlich aus verschiedenen Aufgabenstellungen erwachsen.
Begriffe und Aufgaben
Lassen Sie mich daher noch einmal die beiden Begriffe betrachten, ihre Bedeutung im gesellschaftlichen Bewusstsein und die mit ihnen verbundenen Erwartungshaltungen benennen:
- Da ist zuerst der so bekannte wie vage, weil nur bedingt auf einen allgemeinen Konsensus sich stützende Begriff der Denkmalpflege als wichtiges öffentliches Interesse, seit Jahrzehnten in Deutschland mit gesetzlichen Regelungen in den Bundesländern und mit klaren Strukturen in der Aufgabenwahrnehmung, wenngleich diese in jüngerer Zeit immer mehr zu Ungunsten der Denkmale aufgeweicht worden sind. Der Begriff wird ambivalent bewertet, mal sehr positiv, mal als Ziel manchen Ärgers in Öffentlichkeit und Medien, wobei der Grad der persönlichen Betroffenheit sehr viel über die Möglichkeit eines neutralen Zuganges sagt. Denkmalpflege als Tätigkeit und Tätigkeitsziel betrifft immer Dinge, denen eine Bedeutung innewohnt, die also Orte einer bestimmten Erinnerung sind, aber auch einer gewissen Erwartungshaltung in der Öffentlichkeit, oft leider auch Objekte einer Gefährdung und Verletzlichkeit.
Der große Erfolg öffentlicher Veranstaltungen, wie z.B. seit 1993 bei dem bundesweiten „Tag des offenen Denkmals“, sagt viel über das Interesse der Öffentlichkeit. Denkmalpflege scheint hier allgemein auf große Zustimmung zu stoßen. Doch soll dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass umgekehrt Denkmalpflege oft auch als persönlicher Störfaktor empfunden wird, nämlich immer dann, wenn sie als öffentliches Interesse einem privaten Interesse gegenüber zu stehen scheint.
Die Partner der staatlichen Denkmalämter sind bei der Aufgabenwahrnehmung vor allem die Städte und Gebietskörperschaften, in erster Linie aber natürlich alle Denkmaleigentümer. Die Kirchen und Religionsgemeinschaften, auch die staatlichen Sonderliegenschaften, z.B. in Form der Schlösserverwaltungen, spielen als Partner des touristischen Interesses hier eine besondere Rolle. In zunehmendem Maße werden angesichts drastischer staatlicher Sparmaßnahmen auch Stiftungen aller Art und Form als Hilfe aktiv.
Hier muss noch betont werden, dass eine wichtige Voraussetzung bei der Aufgabenwahrnehmung der Grundsatz ist, dass - um es mit Ranke zu sagen - alle Denkmale gleich vor Gott sind, dass es also zumindest in der deutschen Denkmalpflege-Landschaft keine Rang-Klassifizierungen gibt. Der kleine dörfliche Kalvarienberg, der in der Tiefe eines Waldtales im Mittelgebirge liegende historische Hammer oder die Scheunenreihe am Rande einer alten Kleinstadt, sie haben für die Erinnerung der Gesellschaft den gleichen Stellenwert wie der berühmte Dom, der bekannte Wallfahrtsort oder das hoch bewunderte Fürstenschloss mit seinem Park.
- Da ist sodann der Tourismus als Oberbegriff - früher sagte man schlichter „Fremdenverkehr“ dazu - für das Interesse von Ortsfremden an einem Ort oder einer Gegend oder Landschaft. Was immer das Ziel einer längeren oder kürzeren Reise definierte - Reisen war und ist immer Ortsveränderung, - es strukturierte alle am jeweiligen Zielort Anwesenden und alle dort vorhandenen Dinge in nachhaltiger Weise. Heute wird fast jede Maßnahme in einer Region auch als Chance für den Tourismus erklärt, bis zur Beliebtheit des Begriffes als Leerformel. Das Spaßbad, der Flughafenausbau, der Bau einer Autobahn, die Einrichtung einer Mountainbike-Strecke, der Freizeitpark, das neue Musical in einer sog. Open-Air-Bühne, alles hat einen Hintergrund beim „Verkaufen“ zum Heben des Tourismus.
Unter dem Stichwort „Tourismus“, ja selbst unter dem entlarvenden Stichwort „Tourismusindustrie“ verbergen sich die seltsamsten Vorstellungen wachstumsorientierter Bereiche der Wirtschaft. Zwar gibt es immer wieder auch Meldungen über Qualitätsfragen, wenn sich z.B. mancher vehement gegen den schnellen Tourismus wendet. Doch dies sind Kurzmeldungen, die nur selten Anlass zu gründlicheren Analysen geben. Solche Meldungen reproduzieren sich selbst. Es genügt, wenn die Statistik einer einschlägigen Organisation melden kann, dass trotz Kriegen, trotz Terrorgefahr, trotz hoher Treibstoffpreise der Tourismus im vergangenen Jahre wieder einmal auf ein Rekordniveau gestiegen sei. Zuwachsraten sind Selbstverständlichkeit und Ziel, und nur das geringste Abknicken in einer statistischen Kurve wird als Gefahrenmoment beargwöhnt.
Heute hat jede Stadt, jede Gebietskörperschaft Fachleute, die sich um die angemessene Förderung des Tourismus kümmern. Eine ganze Branche lebt von der Beweglichkeit der Menschen, vom Anbieten und Aufbereiten der Zielorte, vom Gestalten und Vermarkten von Angeboten jeder Art. Ansprüche und Gründe sind dabei enorm vielfältig.
Von der einfachen Sommerfrische früherer Art als Gegenüber zur Zeit der Arbeit, von der enzyklopädischen Studienreise, der Kavaliersreise der europäischen Oberschichten, der ästhetischen Bildungsreise oder gar der alten Pilgerfahrt als Motiv ist nicht mehr viel übrig. Heute ist alles viel differenzierter, vom Business bis zur Gesundheit, von Weltreisen bis zum Campingplatz, vom Luxus Resort bis zu Ferien auf dem Bauernhof, vom Wochenendtrip bis zur längeren Reise zu fernen Kontinenten, vom Tagesausflug per Bus für Gruppen jeder Art und Herkunft bis zu Kongress-, Tagungs-, Kuraufenthalten etc. Eine ganze Welt ist in Bewegung, die Demokratisierung und wachsender Wohlstand führen zu riesigen Zuwachsraten. Dies generiert Ausgaben und Einnahmen, es strukturiert Märkte, schafft oder verändert Arbeitsplätze, beeinflusst Planungen und Maßnahmen im Bauwesen und Verkehrsbau, kann radikal den Charakter von Orten und Landschaften verändern, also tief eingreifen in vorhandene wirtschaftliche, kulturelle und ökologische Systeme.
Kurz: Unter diesem Oberbegriff findet sich heute eines der größten Finanzvolumina unserer Volkswirtschaften. Der Tourismus ist schon jetzt, will man den Pressemeldungen glauben, der drittgrößte Zweig der Weltwirtschaft. Da die beweglichen Massen, sei es als strukturierte Gruppe oder als Individuen, alle ein Ziel haben oder suchen, einem Angebot folgen, wetteifern die möglichen Zielorte einer solchen „unbewaffneten Besatzungsarmee auf Zeit“ um potentielle Kunden, da sie wissen, dass dies Umsatz und Einnahmen generiert. Die Klugen wissen auch um die Kosten, die hierbei entstehen bzw. wie und von wem diese aufzubringen sind. Erst am Ende wird man sehen, wie wertschöpfend, wie nachhaltig und nützlich die Schlussabrechnung aller dieser Kostenfaktoren ist.
- Nun aber ist zu fragen, unter welchen Rahmenbedingungen diese beiden Begriffe zusammengeknüpft und zu einen Dialog gebracht werden können. Denn wenn man nach erfolgreichen Wegen fragt, gar nach Modellen sucht, wenn sowohl Chancen als auch Risiken gesehen werden, dann wird deutlich, dass unser Begriffspaar mit hohem Erwartungsdruck befrachtet ist.
Gerade jetzt werden in der Öffentlichkeit und in den Medien beide Begriffe sehr oft in einen kausalen Zusammenhang miteinander gebracht und als Begriffspaar in einer Wechselbeziehung gesehen. Worin besteht aber diese? Ist sie konfliktfrei oder eher konfliktgeladen? Kann dabei ein harmonisches Paar entstehen, mit wechselseitiger Wirkungssteigerung? Oder eine von Natur aus streitbehaftete Partnerbeziehung? Als Motto muss man auch heute noch, trotz aller Annäherungen, den Untertitel der ersten Trierer Tagungen zitieren: „misstrauische Distanz oder fruchtbare Partnerschaft“, um die Probleme der Kooperation bei einem gemeinsam zu bearbeitenden Thema zu fixieren.
Liegt der Kern des immer wieder aufbrechenden Konfliktes im Gegeneinander von schierer Quantität als Ziel gegenüber einem schwer konkretisierbaren Wunsch nach Qualität? Von Einfluss ist dabei auch die jeweilige Partnersicht, also der Blickwinkel der Gegenseite.
Das Grundproblem ist, dass Denkmale zwar auch für den Tourismus wirken und ihre Attraktivität entfalten, dass dies aber nur eine Seite ihrer Existenz ist. Dass sie darüber hinaus noch viele andere Funktionen im gesellschaftlichen Leben haben, kommt darüber oft zu kurz. Je einseitiger sie also nur in den Dienst des Tourismus genommen werden, desto problematischer wird dies für ihre dauerhafte und nachhaltige Existenz.
Globale Tendenzen heute: Ranking, Prädikat
Diese einseitige Inanspruchnahme von Denkmalen, ja von ganzen Denkmalregionen vor allem unter dem Aspekt der touristischen Attraktivität mehrt sich momentan. Dies zeigt sich bei der heute besonders aktuellen Tendenz zu der so beliebten Zertifizierung aller Dinge und Angebote, also auch von Orten. Gerade auf diesem Feld spielt unser Begriffspaar eine besondere Rolle, da es eine ideale gemeinsame Botschaft zu überbringen verspricht.
Eine PR-Agentur mit Namen „Art Cities“ meldete z.B. im Oktober 2002, dass die sog. Städtereisen die drittbeliebteste Urlaubsform der Deutschen sei. Also folgerte sie, die Städte müssten sich zur Ankurbelung ihres Wirtschaftslebens mehr diesem Sektor öffnen. Ein besonderes Produkt, das Einnahmenerhöhungen und Umsatzsteigerungen verspreche, sei dabei der Titel „Kulturhauptstadt“, um den eine sehr medienwirksame Konkurrenz ausgefochten werde. Wichtig sei überhaupt immer, dass eine Stadt einen Titel im sog. Ranking vorweisen könne. Nur mit einem solchen Titel könne man auch intern im Streit um Fördermittel der öffentlichen Hand und um Investitionen punkten. Dies sind deutliche Worte.
Und so schlägt die Tendenz zum sog. „Ranking“, in der Wirtschaft allgemein üblich, auch bei nahezu allen öffentlichen Einrichtungen, also auch bei der Bewertung von Städten voll durch, gleichsam als eine veränderte Sternchenvergabe wie in Reiseführern, die anfangs nur Informationshilfen für den immer eiliger werdenden Reisenden gewesen waren.
- In diesem Umfeld spielt neuerdings vor allem der Rang eines Ortes oder einer Landschaft als „Weltkulturerbe“ eine zunehmende Rolle, genauer gesagt die Aufnahme in die „Liste des Kultur- und Naturerbes der Welt unter dem Schutze der UNESCO“. Der Begriff war seinerzeit entstanden, als im Jahre 1972 unter dem Dache übergreifender Strukturen in einer spektakulären Aktion die dramatische Rettung der Felsentempel von Abu Simbel im Zuge des Baues des Assuan-Staudammes notwendig wurde. Hier wurde deutlich eine Gesamtverantwortung übernationaler Organisationen für bestimmte gefährdete Werte von exemplarischem Rang in die Öffentlichkeit getragen. Die entsprechende Konvention trat 1976 in Kraft. Als erstes Objekt aus der damaligen Bundesrepublik Deutschland zu dieser Liste wurde 1978 unter gesamteuropäischem Aspekt der Dom von Aachen genannt, eine sinnvolle Nennung, da sie aus einem übergreifenden Gesichtspunkt gerade den Charakter des Exemplarischen deutlich erkennbar machte.
Inzwischen hat sich freilich vieles an diesem Projekt gründlich verändert. Das Dilemma zeigt die Schwachstellen der an sich lobenswerten Idee, dass sie nämlich von ihrer ursprünglichen Absicht längst umgebogen worden ist zu einer rein werbewirksamen Prestigeaktion, die in Zeiten leerer Kassen außerdem mit der blauäugigen Hoffnung auf Geld von auswärts oder bessere Förderchancen aus vorhandenen Etats verbunden ist. Aus dem Exemplarischen wurde das Zertifizierende, Heraushebende, zudem eurozentristisch einem Classement-Denken Entsprechende zum offenbar einzigen Merkmal für eine sinnvolle Ergänzung einer welt-weiten, abgewogenen Liste, die aber nur dann sinnvoll sein kann, wenn man auch ihren möglichen Abschluss bedenkt.
Nur dies kann der Grund dafür sein, dass z.Z. eine wahre Springflut neuer Anträge gerade aus der Bundesrepublik auf die zuständigen Beschlussgremien zuläuft, und dass es kaum noch einen regional oder lokal tätigen Politiker gibt, der auf diesem Feld kein lohnendes Betätigungsfeld sieht. Offensichtlich geht es dabei nur um einen deklaratorischen, also werbewirksamen Akt, weniger um das Bekenntnis zu verantwortungsvollem Handeln, das sich daraus ergeben würde. Das Etikett „Weltkulturerbe“ gibt den Verantwortlichen aber eine vermeintliche Trumphkarte in die Hand, die richtig ausgespielt beim Pokern um Zuschüsse für Untersuchungen, Planungen und Erhaltungsmaßnahmen stechen soll. Doch das Beachten des Schutzgedankens, des verantwortungsvollen Handelns mit dem kulturellen Erbe könnte schon allein aus der Berücksichtigung des jeweils in Deutschland mit seiner föderalen Struktur geltenden Landesgesetzes unspektakulär, aber effektiv wirksam werden. Wenn also eine offenbar höherrangige Zertifizierung als ein Ziel am Horizont angestrebt wird, dann ist dies nur ein deutliches Zeichen für die Absicht vieler Handelnder, anderes als niederrangig, also vernachlässigbar abzuqualifizieren. Jedes Classement ist realiter immer ein Declassement, wie man früher überdeutlich an den Denkmallisten der ehemaligen DDR nachvollziehen konnte. Der Kern und der Sinn der so begehrten UNESCO- Liste wird also letztlich in sein Gegenteil verkehrt.
Die Beliebtheit dieses Spiels, an dem sich neben Lokalpolitikern auch die begleitende Regionalpresse beteiligt, zeigt sich an der großen Zahl der Orte und Objekte, die zur Zeit den Beschlussgremien vorliegt, und das natürlich mit allem nur denkbaren Druck, den populistische Pseudoaktivität ausüben kann, obwohl jeder weiß, dass unter übergreifenden Aspekten allein die in Deutschland gegenwärtig traktierte Liste Jahrzehnte bräuchte, um ordnungsgemäß abgearbeitet zu werden.
Welche Orte sollen es werden? Ist der berühmte Park von Sanspareil der Markgräfin Wilhelmine für sich allein oder nur als Bedeutungsteil des Bayreuther Rokoko, also als Dokument der Welt der Markgräfin wichtig? Ist Schloss Neuschwanstein für sich selbst als Exemplum zu nominieren oder gehören die sog. bayerischen Königsschlösser Ludwigs II. als ganzes untrennbar hinzu? Bringt die Benennung Baden-Badens mit den Resten seiner der Abbruch- und Verstümmelungswut der letzten Jahrzehnte entgangenen Bäderarchitektur noch irgendeinen Sinn? Oder wäre vielmehr Wiesbaden mit seiner Bäderstadt -Architektur viel sinnvoller?
Doch, wie soll man ein stringentes Paket unter Anwendung eines denkmalpflegerisch vertretbaren Ensemble-Begriffes schnüren können? Die vorgeschlagene Meldung von Kassel, nämlich des Parks und der Schlossanlage, ist eine nordhessische Quisquilie, einzig aus dem Bemühen um finanzpolitisch wirksame Zertifizierung erwachsen. Unter solchen Rahmenbedingungen ist die Zurückstellung des Antrages für Heidelberg durch die zuständige UNESCO-Kommission nicht verwunderlich.
Wenn dann noch aus Berlin die Nachricht kommt, die Reste der berüchtigten Mauer für die Aufnahme in die Liste zu melden, so wird jedem klar, dass es sich hier nur um reinen Aktionismus handelt. Denn alles in Berlin Erreichbare wurde inzwischen erreicht, und alles nicht Erreichte bzw. nicht Gewollte ist inzwischen ebenfalls Realität geworden.
Dies waren nur einige wenige Beispiele aus einer Fülle weiterer Meldungen, deren Bearbeitung vor Ort übrigens unendliche Arbeitskraft absorbiert und die Verantwortlichen von der Lösung der wirklich drängenden Probleme abhält. Ich habe schon 1998 im Bundesbaublatt kritisch über die inzwischen eingetretene Entwicklung berichtet, habe mir dadurch böse Schelte seitens einiger eingehandelt, die sich in ihrer Verantwortlichkeit für Fehlentwicklungen angesprochen gefühlt haben. Dies hat die Richtigkeit meiner Kritik nur bestätigt.
- Ein zweiter Bereich des Ranking, dessen Bedeutungs-Zunahme man täglich als Reisender mit dem Automobil wahrnehmen kann, ist das enorme Anwachsen touristischer Hinweis-Schilder an den Rändern unserer Autobahnen. Die weiß-braunen Hinweisschilder auf touristische Orte und Landschaften sind seit wenigen Jahren aus unserer optischen Reiseerfahrung kaum mehr wegzudenken. Hier sind zwar für die Antragsteller meist wahre Kalvarienberge öffentlicher Genehmigungs- und Bedenken-Vorbehalte zu überwinden, bis die zuständigen Ämter und Behörden solche Vorschläge ordnungsgemäß abgearbeitet haben. Doch solche werden immer beliebter. Spannend ist schon die Art der Darstellung, mit der solche touristischen Sonderschilder an Autobahnen werben. Fast immer ragt etwas alt Wirkendes hervor, fast immer spürt man förmlich den Versuch der Werbemanager, auch noch für den kleinsten Ort ein touristisches Alleinstellungsmerkmal herauszuarbeiten und evtl. Störendes, also die Gegenwart auszublenden. Wer hätte z.B. gedacht, dass eines Tages ganz lapidar zu lesen sein könnte, dass Fürth als „Denkmalstadt“ wirbt? Die Geschichte ist offenbar auch hier die bessere Quelle!
- Als drittes Feld nenne ich schließlich die ganz allgemeine Sucht fast aller Stadtväter, auf irgendeine Liste mit Zertifizierungen zu gelangen. Ich bringe hier nur ein Beispiel: Von Schloss Neuschwanstein war schon die Rede als propagierter Kandidat für die Liste des Weltkulturerbes. Jüngst wurde das weltberühmte Schloss aber sogar als Kandidat für eine aktuelle Liste als neues „Weltwunder“ ins Rennen geschickt, natürlich nur aus Gründen touristischer Art. DSI 4/2007 31. Jg. Seite 135
Ein weltweit agierender Scharlatan hatte es verstanden, mit dieser sehr werbewirksamen Aktion zum 7. Juli 2007 selbst ernstzunehmenden Personen des öffentlichen Lebens den Kopf zu verdrehen. Gänzlich unberührt davon ist aber zur gleichen Zeit das Schloss mit seiner Umgebung durch weit überzogene Planungen einer maximalen touristischen Erschließung gefährdet. Jeder Verantwortliche weiß, dass gerade hier bereits ein Sättigungsgrad erreicht ist, der organisatorisch und vor allem auch restauratorisch nicht mehr zu bewältigen ist. So erfreut die jüngste Meldung aus dem bayerischen Finanzministerium, dass solche Bauplanungen dort nicht gutgeheißen werden.
So war es im Gegenzug eine ebenfalls erfrischende Nachricht, als im Jahre 2003 ein bayerischer Bauunternehmer, der auf die Herstellung von Kunstfelsen spezialisiert ist, mit denen er sonst Thermen und Schwimmbäder ausstattet, den Vorschlag gemacht hat, man solle im Fichtelgebirge einen Monumentalpark errichten, mit Nachbildungen der wichtigsten berühmten Denkmäler der Welt, und zwar in Originalgröße. Die Stadt Wunsiedel war natürlich begeistert, wurden doch mögliche Besucherzahlen von bis zu 1 Mio. zahlenden Gästen für die strukturschwache Region in den Raum gestellt, obwohl man auf der anderen Seite keinen Massentourismus verfolgen wolle. Das Projekt wird inzwischen an anderem Ort traktiert.
Doch gehen wir näher auf die wahren Problemfelder ein, jenseits der deklaratorischen Aktivitäten, dort also, wo der Alltag beginnt, in der täglichen Praxis nämlich, wenn die Feierstunden vorbei sind.
Mit großem Arbeitsaufwand vieler Expertengruppen wurde z.B. der durch mehrere Bundesländer führende römische Limes zum Weltkulturerbe erklärt. Sofort begann die spekulative Vermarktung in der weit ausgedehnten Region: Römerpark oder Limespark, Erlebnispark mit Gladiatorenspielen und Wagenrennen, mit zweifelhaften Rekonstruktionen, und das mit gravierendem Flächenverbrauch und mit Verkehrsbelastungen, also massiven Umweltzerstörungen, das alles schien die Folge zu werden. Man kann nur dankbar sein, dass die Planungen zu einem großen Freizeitpark bei Ellingen vorerst offenbar verschoben wurden, da es gerade ihretwegen mahnende Anfragen von der UNESCO gab. Dagegen machen die weniger spektakulären Planungen eines angemessenen archäologischen Managements mit klaren Zielvorgaben und Handlungsmaximen, wie sie eine Archäologengruppe für die zuständigen Ministerien zur Zeit erstellt, einen wesentlich solideren Eindruck.
Doch dies ist kein Einzelfall. Die Stadt Köln hatte mit ihren Hochhausplanungen nahe der empfindlichen Domlandschaft gegenüber den Denkmalpflegern und der UNESCO erst einen rüden Ton angeschlagen, bis auch hier die einzig wirklich gefürchtete Konsequenz des Verlustes des Titels im Raum stand und zur Besinnung führte.
Ähnlicher Streit erfüllt nun schon lange alle Zeitungen wegen der leidigen Waldschlösschenbrücke in der Elblandschaft von Dresden. Selten erlebte man ein solches Aufeinanderprallen lernunfähiger Sturheit seitens aller Betroffenen. Um die Berliner Museumsinsel und den richtigen Umgang mit ihr streiten sich ebenfalls alle, die in der dortigen Kulturszene zu Hause sind bzw. sich für kompetent halten. Welche endgültigen Formen die Projekte und Entwürfe für die riesige Gazprom-City an der Newa in St. Petersburg bekommen werden, muss abgewartet werden. Sie sehen also, es gibt ein reiches Feld für Missverständnisse, auf dem trotz oder gerade wegen der heiß begehrten Titel die Vernunft auf der Strecke bleibt.
Aktuelle Erscheinungen in diesem Kontext
Welche Schlüsse lassen sich aus solchen Entwicklungen und Erfahrungen ziehen? Auf vier Felder möchte ich mich hier beschränken, um den Kern der aktuellen Probleme herauszuarbeiten. Es sind vier Problemfelder, deren Bedeutung sich gerade in den letzten Jahren verstärkt hat:
1) Zum einen wächst durch die stark ansteigende Zahl der weltweit beweglichen Touristen aus immer neuen Ländern der Druck auf bereits stark frequentierte Ziele des Kulturtourismus, vor allem im Bereich der schnellen Rundreisen von Gruppen. Dies ist sowohl in Freiräumen, Stadträumen, aber noch mehr in Innenräumen schwierig.
Allein der Kölner Dom hatte 2002 6 Mio. Besucher, die Drosselgasse in Rüdesheim 3 Mio., der Reichstag in Berlin verzeichnete 2,7 Mio., die Wieskirche jährlich 1 Mio. Besucher, von den ganz großen Attraktionen von Paris, nämlich dem Eiffelturm, dem Louvre und dem Centre Pompidou mit je 5 Mio. Besuchern ganz zu schweigen. Die Frauenkirche in Dresden wurde schon als Baustelle monatlich von 30.000 Menschen kurz frequentiert.
Es ist also Kanalisation der Besucherströme notwendig, und das bedeutet organisatorische Schwerstarbeit, vor allem auch bei der sog. „Entwaffnung“ der Kunden im Einzelfall von Gegenständen aller Art. Eine Kollegin berichtete auf einer Tagung 2004 in Schloss Ludwigsburg sehr anschaulich von den beträchtlichen Schäden, die manche ganz harmlos erscheinende moderne Kleidungsstücke mit ihren modischen Accessoires an vielen Raumfassungen, Möbeln und Gegenständen hinterlassen. Es ist also Vorsorgenötig, denn sonst drohen unwiederbringliche Substanzverluste.
In Pompeji sind die Grenzen der Zerstörung längst überschritten. Doch auch hier ist der Trend zu immer weiterer Steigerung, aus durchsichtigen rein wirtschaftlichen Gründen offenbar unumkehrbar. Trotz drastisch erhöhter Eintrittpreise sind die Kosten für Unterhaltung und Restaurierung nicht mehr zu erwirtschaften. Wer nur die Fragen der Quantität im Auge hat, läuft Gefahr, sein wichtigstes Kapital letztlich zu verschleudern.
Die rigorosen Schutz- und Regelungsmaßnahmen bei den so beliebten Objekten der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten zeigen die dramatische Lage, die auch durch die oft aus dem politischen Raum kommenden Vorschläge zur Einnahmeerhöhung durch gesellschaftliche, politische und gewerbliche Vermietung nicht gelöst werden kann. Dies wäre das Betreten einer schiefen Ebene, auf der es keinen Halt mehr gibt.
Ein spannendes Experiment wagte in diesem Sommer die Bayerische Schlösserverwaltung in der Neuen Residenz in Bamberg, als sie bewusst die Versehrtheit wertvoller barocker Räume zeigte und ihre Restaurierung als Sonderthema in eine Ausstellung zum Kaiserappartement einband. Eine pädagogisch äußerst gelungene Veranstaltung, die das Empfinden für die Gefährdung als untrennbaren Teil des Kunstgenusses vorstellte und damit Verantwortungsgefühl zu stützen half.
2) Ein Phänomen besonderer Art sind seit längerem die in der Öffentlichkeit mit großer Medienwirksamkeit beachteten Funde, vor allem aus dem Bereich von Archäologie und Frühgeschichte: Sensationsbedürfnis und Entdeckerfreude sind untrennbar damit verbunden.
Als Lieferant bedeutender Funde bzw. als Retter und Bewahrer, vor allem wenn solches nicht unmittelbar mit zu befürchtenden finanziellen Einbußen, sondern mit möglichem Zuwachs verbunden ist, sind Denkmalpfleger und Archäologen hier hoch geschätzte Partner. Nehmen wir den bekanntesten Fall der jüngsten Zeit, den Fund jenes Menschen im Eis der Alpen, der sofort medial wirksam seinen Kosenamen Ötzi erhielt und auch heute nur unter diesem vermarktet wird. Nachdem Besitz- und Eigentumsfragen territorial geklärt, die Folgen der Fundumstände unter höchst fintenreichen Verhandlungen zwischen dem Finder (oder Entdecker?) und dem zuständigen Land lange offen waren, nachdem mitgroßer Akribie alle nötigen Untersuchungen und Sicherungen gemacht worden waren, hat man keine Kosten gescheut, die bestmögliche Präsentation dieses Unikums im Museum in Bozen durchzuführen. Und die neue Attraktion hat sich als großer Erfolg erwiesen. Die Investition hat sich gelohnt.
Solche Seltenheiten gelten bei allen Verantwortlichen und Interessierten als Verstärker von Touristenströmen. An anderen Orten oder Gegenden, die man heute strukturschwach nennt, können sie als Initialzündung für künftige Entwicklungen nutzbar gemacht werden. Der Fund der Himmelsscheibe von Nebra 1999 in Sachsen-Anhalt, ihre Sicherung endlich im Februar 2002, hat sich als erfolgreich erwiesen. Das Einmalige, in Verbindung mit einer höchst spannenden Kriminalgeschichte, entfaltete einen großen Erwartungssog. Verantwortungsvolle Erforschung und Interpretation, aber auch kluges Erkennen der hier schlummernden Möglichkeiten, führten zu einem neuen touristisch wirksamen Ort, der mittels einer soeben fertig gestellten, sehr qualitätvollen, ja mythisch wirkenden architektonischen Präsentation Besucher anziehen kann.
Vieles spricht dafür, dass hier eine neue Wallfahrtsstätte entsteht. Es ist sicher damit zu rechnen, dass diese Investition einer ganzen Region auch wirtschaftliche Impulse gibt.
Unter diesem Aspekt ist natürlich auch der jüngste archäologische Fund zu sehen: Die Entdeckung einer kleinen vollständig erhaltenen Elfenbeinfigur in Form eines Mammuts durch Tübinger Archäologen auf der Schwäbischen Alb, dessen ungeheures Potential in seiner Seltenheit, seinem nachweisbaren großen Alter sich sofort auch in den Medienberichten niederschlug wie z.B. den Worten „Ältestes Kunstwerk der Welt“. In dieser Sensation stecken viele Möglichkeiten auch zur touristischen Entwicklung, die sicher genutzt werden.
Solche Fälle, die sich unendlich erweitern ließen, werden von allen Verantwortlichen mit Nachdruck als Verstärker des Tourismus ausgenützt. Sie können manchen Gegenden mit Strukturproblemen neuen Auftrieb, ja ein ganz anderes Wahrnehmungsprofil geben.
Es wäre aber zu wünschen, dass diese Aufmerksamkeit das allgemeine Interesse für Belange dieses Faches wieder stärkte, das solche erwünschten und nützlichen Partnerschaften nur auf der Basis kontinuierlich geförderter Arbeitsmöglichkeiten erbringen kann.
3) Ein weiteres Berührungsfeld, das den Denkmalpflegern und Tourismusexperten allerdings Anlass zur Sorge sein sollte, ist das Überschwappen einer kurzatmigen, aber lautstarken Eventkultur aus der allgemeinen Freizeitwelle in den Kulturtourismus.
Gerade bei dieser inhaltlichen Konkurrenz haben aber die Originale eine besondere Rolle zu übernehmen, gegenüber der virtuellen Welt, die eine ernstzunehmende Veränderung in den Vorstellungen der Kunden bewirken kann. Die nicht enden wollende Welle immer neuer geplanter Freizeitparks, alle mit Superlativen der Erwartung garniert, lebt natürlich von der Nähe der touristischen Ziele. Die jüngsten Entwicklungen um die Möglichkeiten der Vermarktung des Limes habe ich bereits erwähnt. Die ehrgeizigen Pläne zur noch weiteren Stärkung des sog. „Kini-Tourismus“ in der Region Füssen geben Anlass zu großer Sorge. Dass kurzatmige Aktionen dieser Art auch scheitern können, sah man soeben wieder bei der abermaligen Insolvenz des Festspielhauses mit dem Ludwig II.- Musical am Forggensee. Es ist zu begrüßen, dass die verantwortlichen Stellen Bayerns auf politischer und fachlicher Ebene hier eher bremsen. Es ist aber bezeichnend, dass die einzige vor Ort wirksame Hemmschwelle darin liegt, dass solche Entwicklungen das andere erwünschte Ziel, nämlich Neuschwanstein in den Rang des Weltkulturerbes zu erhöhen, eher in Gefahr bringen.
Die Diskussion um diesen Problembereich der Interrelation kulturpolitischer und Tourismus-orientierter Erwartungen wird nie abreißen. Wer im Kräfteausgleich zwischen diesen oft antagonistischen Zielen sich durchsetzt, kann man nicht wissen.
4) Eine letzte, nun aber positive Beobachtung ist, dass der Bereich des Service als Teil eines modernen Kundendienstes in der Kulturarbeit sich inzwischen immer mehr und positiver entwickelt hat. Die klassische einfache Kasse für das Lösen der Eintrittskarte vor Beginn einer Führung hat sich heute fast bei jedem häufiger besuchten Denkmalobjekt touristischen Interesses deutlich gewandelt. Heutige Service-Angebote sind viel differenzierter.
Einerseits ist dies eine Antwort auf wachsende Besucherzahlen, da es lenken und notwendige Verweil- und Wartezeiten sinnvoll gliedern hilft. Anderseits schafft es durch die Erweiterung der Produktpalette größere Einnahmen, ist also ein Angebot, das Information und Produktpräsentation vernetzt. Es ist noch nicht sehr lange her, dass dieses Modell aus den Erfahrungen der auf diesem Gebiet schon immer viel pragmatischeren angelsächsischen Länder auch bei uns übernommen wurde. Es betrifft natürlich vor allem die berühmten Schlösser und Museen mit ihren Finanzierungsproblemen, aber auch touristische Destinationen jeder anderen Art. Man sieht, dass hier hohe Professionalität gefordert ist.
Immer mehr sieht man gut geplante Besucherzentren bei wichtigen Besichtigungsobjekten für Reisende, z.B. in Schloss Rosenau bei Coburg, oder das neu eingerichtete für Vierzehnheiligen. Auf die vorbildliche Informations- und Steuerungspolitik in Wörlitz habe ich schon vor Jahren hingewiesen.
Beachtenswert ist es auch, wie sich die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten seit ihrer Gründung 1994 in klarer Erkenntnis dieser Notwendigkeit um die Entwicklung eines stringenten Tourismus-Marketing bemüht, das die verschiedenen Anforderungen miteinander verbindet und auch unter denk-malpflegerischem Aspekt tragfähig ist. Denn hier ist ja der öffentliche Auftrag besonders deutlich. Eigentlich ist es, gemeinsam mit dem Naturtourismus das Rückgrat des ganzen Landes, das ansonsten kaum einen spezifischen Tourismus-Grund mit Alleinstellungsmerkmal hat, wie er z.B. bei Seebädern, krisensicheren Wintersportorten etc. existiert. Hier ist also die Denkmalwelt aller erster Ansatzpunkt, um den sich dann anderes ranken kann. Im Kern steht die „Schatzkammer“, die mit Recht beworben wird, darum erst kann sich der sog. „grüne Wandertourismus“ entwickeln, wenn man ihn richtig steuert.
Grundlage eines sinnvollen Service, der den Besuchern geboten werden soll, ist aber auch ein gewisses Mindestmaß an Übereinstimmung in Bezug auf die sog. „Benimm-Regeln“.
Dies gilt natürlich in erster Linie für alle Sakralräume. Wir haben bei den bekannten „Trierer Thesen zur Denkmalpflege“ von 1988 darauf bereits intensiv hingewiesen. Schon aus den heutigen Sicherheitsbedürfnissen in einer an Attentaten und Terrorismusangst übervollen Zeit ist z.B. darüber hinaus für jeden heutigen Besucher von St. Peter in Rom ein Maßnahmenpaket an zusätzlichen Vorsichtskontrollen allgemein üblich geworden, das ich mir zu Zeiten meines eigenen Lebens in dieser Stadt nicht in Traume hätte vorstellen können.
Genauso sinnvoll und unerlässlich sind die schon vor längerer Zeit erlassenen sog. „Zehn Gebote für Touristen“, die Venedig besuchen, mehrsprachig verteilt und leider notwendig in einer Stadt, die als Touristenziel alles wirkliche Leben in der Stadt längst verschluckt hat und nicht an mangelndem, sondern an überbordendem Interesse einzugehen droht.
Zum Service gehören natürlich auch die ganz banalen Fragen der Infrastruktur. So sind durchaus wichtig viele logistische und organisatorische Fragen, z.B., wohin mit den Vehikeln, welche Reisende tagsüber oder länger in eine Stadt bringen. Mit Bahn und Flugzeug ist das einfach. Aber der Reisebus bringt Probleme mit sich. In Bamberg etwa gab es großen Ärger, da die Überfülle parkender Reisebusse am Rande von Wohngebieten Probleme erzeugte. Hier zeigt sich wieder das Grundproblem: Wie kommen die Besucher mit den Besuchten aus? Wessen Interessen sind die wichtigeren? Es gilt aber immer die alte Erfahrung: Manchen guten Service nimmt der Besucher überhaupt nicht als solchen wahr. Dieser ist oft der Beste überhaupt.
Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
Wir haben bisher die zwar fruchtbar gestaltbare, aber eben auch fragile Zusammenarbeit zwischen den Denkmalpflegern und den in der Tourismus-Branche Tätigen an mehreren Beispielen betrachtet. Wir sahen die Chancen und die Risiken, die sich aus mangelnder Zusammenarbeit ergeben, wir haben auch interessante Beispiele für Kooperationen vorführen können. Voraussetzung für alles ist, dass der Tourismus nie das einzige Ziel des Handelns sein kann. Er kann immer nur gemeinsam mit allen anderen Strukturen unserer Städte und sehenswerten Orte entwickelt werden. Sonst entstehen Reise- und Denkmalgettos, aus denen sich dann die wirklichen Bewohner immer mehr zurückziehen oder verdrängt werden.
Zum Schluss dies alles so einfach und schlüssig wie möglich zusammenzufassen, ist nicht leicht. Am besten scheint mir hier das Modell zu passen, das ich schon 2002 in Leipzig vorgestellt habe, da in ihm alle wichtigen Aspekte zusammengefasst sind, nämlich „Schützen, Steuern, Service“. Dies ist das heute immer noch beste, aber auch nötige Kooperationsmodell, umfasst es doch alle heutigen Rahmenbedingungen, alle Notwendigkeiten und alle Anforderungen an den Denkmal-Tourismus.
Wer auch nur einen dieser drei Aspekte in der Gesamtheit aller übrigen nicht genügend berücksichtigt, gefährdet die anderen beiden automatisch.
Umgekehrt entstehen durch die integrierte Beachtung aller drei Aspekte und Anforderungen Synergieeffekte sowohl für die Reisenden als auch für ihre Ziele, also die Denkmale. Grundvoraussetzung zum gemeinsamen Handeln ist der unangefochtene Schutz der Denkmale, denn nur unter dieser Voraussetzung können sie ungeschmälert die ganze Fülle der in ihnen steckenden Aussagen in die Zukunft weiter tragen.
Dort, wo Denkmale, Denkmalorte oder von Denkmalen geprägte Regionen vom Tourismus leben, durch ihn zunehmend geprägt werden, ist die Steuerung eine Sache der Vernunft, besonders unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit. Bei unausgewogenen Formen des Tourismus besteht die Gefahr, dass die Denkmale, also die wirtschaftliche Basis auf die Dauer vernutzt, also zerstört werden. Dort ist dann auch der Service eine Antwort auf heutige Anforderungen, die Anerkennung seiner Notwendigkeit sichert allen daran Beteiligten die zukünftige Entwicklung, gilt er doch, wie schon gesagt, einer seltenen, ja einmaligen, weil nicht wiederholbaren Ressource.
Alle an dem Vollzug unseres Themas Beteiligten sind also zur fruchtbaren Zusammenarbeit aufgerufen. Denn sie müssen an einer sinnvollen, qualitätvollen Entwicklung interessiert sein, da durch Fehlentwicklungen die gemeinsamen Ziele gefährdet werden. Wir sitzen gleichsam wie ein Team zusammen in einem Boot, mit klar definierter Aufgabenteilung, aber mit Respekt vor den Aufgaben des Partners und zur fruchtbaren Zusammenarbeit im gemeinsamen Interesse aufgerufen.“
(Prof. Dr. Manfred F. Fischer, Bamberg)
abgedruckt in: DSI 4/2007, Seite 128-141.
