20.09.2005
„Denk!mal: Alte Stadt - Neues Leben", Ausstellungseröffnung durch Bundesminister Dr. Manfred Stolpe am 30. September 2005 in Berlin
Am 30. September 2005 eröffnete Dr. Manfred Stolpe, Bundesminister für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen, in Berlin die Ausstellung „Denk!mal: Alte Stadt - Neues Leben" (s.a. S. 4 dieser DSI-Ausgabe) mit der hier abgedruckten Rede:
„Verehrter Herr de Bruyn!
Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Gäste!
Zunächst möchte ich mich herzlich bedanken bei den Schülerinnen und Schülern für die wundervolle Musik. Damit habt Ihr unserer Ausstellungseröffnung eine gute musikalische Einstimmung gegeben. Ihr seid Vertreter einer Generation, die bereits im vereinten Deutschland aufgewachsen ist. Schließlich seid Ihr alle um 1989/90 herum geboren. Drei Dinge verbinden sich mit Eurem Auftritt heute: Jugend, Musik und schöne Städte. Das ist Zukunft! Mein herzlicher Dank gilt dem Hans-und-Hilde-Coppi-Gymnasium und Herrn Bösel, dem musikalischen Leiter der Schule. Sie haben den Auftritt bei uns ermöglicht. Vielen Dank dafür.
Die Ausstellung „Denk!mal: Alte Stadt - Neues Leben", die wir heute gemeinsam eröffnen, soll die Erfolge bei der Wiederherstellung der Städte in Ostdeutschland verdeutlichen. Es sind Erfolge, die Bund, Länder, Kommunen und vor allem auch die Bürgerinnen und Bürger mit großen Engagement errungen haben. Die Ausstellung wird auch nicht verschweigen, was noch alles zu tun ist. Aus unserer vom Alltag geprägten Wahrnehmung ist fast verschwunden, in welch bedrohlichem Zustand sich unsere Städte 1990 befunden haben. Mir selbst wurde das klar, als mir Herr Professor von Lojewski vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz Bilder von Greifswald zeigte, die den Zustand von 1990 und von heute dokumentierten. Ich bin in Greifswald aufgewachsen, deshalb sind mir die Stadt und ihre Entwicklung wohl vertraut. Die Aufnahmen von den Veränderungen waren faszinierend. Ich habe darum gern den Vorschlag von Herrn Professor von Lojewski aufgegriffen, eine Ausstellung über die Wiederherstellung und Erneuerung der historischen Städte in Ostdeutschland seit 1990 zu erarbeiten.
Fast 100 Städte haben uns mit Texten und Bildern unterstützt. So ist es heute möglich, die ganze Breite des Erneuerungsprozesses zu zeigen. Ihnen allen sei gedankt für Ihr Engagement. Bitte geben Sie diesen Dank auch an Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiter, ohne die diese Ausstellung nicht zustande gekommen wäre.
Danken möchte ich auch den Mitveranstaltern der Ausstellung. Das sind zum einen die Vertreterinnen und Vertreter der Bauministerien Ostdeutschlands. Von den weiteren Mitveranstaltern möchte ich Herrn Prof. Goebel, den Präsidenten des Deutschen Nationalkomitees Denkmalschutz, und Herrn Professor Kiesow, den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Stiftung Denkmalschutz nennen, der leider heute nicht hier sein kann. Ihnen und vielen, die hier nicht alle einzeln genannt werden können, möchte ich dafür danken, dass die Ausstellung in nur wenigen Monaten Wirklichkeit werden konnte.
Globalisierung und demographische Entwicklung machen vor den Städten nicht halt. Aktuelle Herausforderungen sind der Wandel von Industrie und Dienstleistungen, der Konflikt zwischen Städten und Umland, Arbeitslosigkeit und soziale Konflikte, Fortschritte und Folgen der Wissensgesellschaft, notwendige Integrationsleistungen und nicht zuletzt die Modernisierung der städtischen Bausubstanz. Alles das erfordert unser aktives Engagement. Ich bin davon überzeugt, dass wir die Herausforderungen nur bestehen können, wenn wir aktiv das Erfolgsmodell der europäischen Stadt weiterentwickeln. Dieses Erfolgsmodell zeigt sich geradezu exemplarisch in vielen Städten Ostdeutschlands, deren historischen Kerne nach der Wiedervereinigung vor dem Verfall und in vielen Fällen vor dem Abriss gerettet werden konnten.
Erinnert sei an bürgerschaftliches Engagement vor der Wende, zum Beispiel in Halberstadt oder in Potsdam, wo gegen den bereits beschlossenen Abriss von Teilen der Altstadt protestiert wurde. Dieser Protest wurde Teil des Aufbegehrens gegen das herrschende System. In Erfurt bildeten Tausende Bürgerinnen und Bürger im Dezember 1989 eine Menschenkette um die Altstadt, um so für den Erhalt des einzigartigen mittelalterlichen Bauensembles zu demonstrieren(1)). Man kann heute sagen, dass die Rettung der historischen Innenstädte den vielleicht gelungensten Teil beim „Aufbau Ost" darstellen. Ein Hauptinstrument hierfür war und ist die Städtebauförderung und vor allem das Programm Städtebaulicher Denkmalschutz. Mit diesem Programm konnten Bund, Länder, Gemeinden und Bürger den Schatz, den die Geschichte ihnen vermacht hatte, erhalten, pflegen und für die Zukunft sichern. Allein der Bund hat bis heute fast 1,5 Milliarden Euro für die Erhaltung und Erneuerung der historischen Stadtkerne bereitgestellt, in diesem Jahr sind es 92 Millionen Euro. Dieses Geld fließt in die lokalen und regionalen Wirtschaftskreisläufe. So entstehen neue Arbeitsplätze und bestehende werden gesichert. Außerdem sorgt es für Impulse im Einzelhandel und im Tourismus. Wir wollen mit unserer Stadtpolitik erreichen, dass Wirtschaft, Arbeit und Wohnen nicht nur auf der Grünen Wiese stattfinden, sondern wieder in die Städte zurückkehren. Orte mit hoher Lebensqualität sind für die Wirtschaft und ihre Entscheidungsträger attraktiv.
Der Erfolg ist eindeutig: Stadterneuerung bindet Bürger an ihre Stadt. Gerade in den neuen Ländern zeigt sich, dass die Einwohnerzahl auch in Städten, deren Bevölkerung schrumpft, in den innerstädtischen Sanierungsgebieten steigt. Die Menschen kennen und schätzen die besondere Lebensqualität, die mit dem innerstädtischen Wohnen verbunden ist. Das macht unsere historischen Innenstädte zu Gebieten mit klaren Zukunftschancen.
Bei der Sanierung der Innenstädte ist nach 15 Jahren etwa die Hälfte der Arbeit geschafft. So höre ich es aus den Ländern und Gemeinden und auch mein persönlicher Eindruck entspricht dieser Einschätzung. Damit würden sich auch die Aussagen von Experten von 1990 bestätigen, die Erneuerung der Städte und Gemeinden in den neuen Ländern benötige eine ganze Generation, also 30 Jahre. In der begonnenen zweiten Hälfte des Weges sind es jetzt die besonders großen und am stärksten verfallenen Baudenkmäler, die auf ihre Wiederherstellung warten. Ihre Restaurierung war zurückgestellt worden. Zunächst wollten wir möglichst viele Gebäude mit geringerem Förderbedarf anpacken. Nun müssen wir auch die schwierigen Fälle lösen.
Die Erfolge der ersten 15 Jahre haben gezeigt, wie sehr sich gemeinsames Handeln, Ausdauer und Beharrlichkeit lohnen. Das sollte Mut machen, mit neuem Schwung in die nächste Etappe zu gehen. Denn wir brauchen starke Städte! Sie sind Wachstumskerne und sie leisten Unersetzliches als Job- und Integrationsmotoren. Vor allem aber sind sie die Stätten von bürgerschaftlichem Leben und Engagement. Hier verbinden sich solidarisches Miteinander und wirtschaftlich Potenz. Unsere Aufgabe ist es, die Städte für uns und unser Land gemeinsam weiterzubauen. Dass wir bereits auf einem guten Fundament stehen, zeigt die Ausstellung. Wir wollen diese Ausstellung in möglichst vielen Städten und vor allem überall im Osten und im Westen Deutschlands zeigen.
Nun aber bin ich gespannt darauf, was uns der Festredner des heutigen Tages zu sagen hat. Uns allen ist Günter de Bruyn als Schriftsteller und kritischer Zeitzeuge ein Begriff. Herr de Bruyn, Sie haben Theodor Fontanes „Sinn für Geschichte, und das heißt auch sein Verständnis für ständigen Wandel" hervorgehoben. Verehrter Herr de Bruyn: Sie haben das Wort!"
Anmerkung:
(1) Die Bürgerinitiative Altstadtentwicklung e.V., Erfurt" erhielt für ihre Leistung 1991 in Schwerin die Silberne Halbkugel des vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz vergebenen Deutschen Preis für Denkmalschutz
(abgedruckt in: DSI 3/2005, Seite 98-100.)
