01.03.2003
"Zukunftsfähigkeit von Denkmalschutz und Denkmalpflege" Positionspapier der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (KMK)
Bereits im vergangenen Jahr hat die KMK ihre Position zu Denkmalschutz und Denkmalpflege veröffentlicht. Der Text analysiert die Entwicklung der letzten Jahrzehnte und zeigt Wege auf, wie den neuen Herausforderungen begegnet werden sollte. Das Papier wird nachfolgend in vollem Wortlaut abgedruckt. Ihm vorangestellt ist eine Einleitung, verfasst von Prof. Dr. Jörg Haspel, dem Vorsitzenden der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland, und von Prof. Dr. Dieter Planck, dem Vorsitzenden des Verbandes der Landesarchäologen in der Bundesrepublik Deutschland e.V..
"In ihrer Sitzung vom 31. Januar / 1. Februar 2002 in Berlin hat die Kultusministerkonferenz (...) ein Positionspapier "Zukunftsfähigkeit von Denkmalschutz und Denkmalpflege" verabschiedet und die zuständigen Ressorts gebeten, für die Umsetzung in ihren Ländern und Einrichtungen zu sorgen. (...die) Bundesregierung (...) sowie die kommunalen Spitzenverbände sind über das Beratungsergebnis informiert worden.
Papier ist geduldig – es ist so gut, wie diejenigen, die es erreicht und die es angeht, damit arbeiten. Das gilt auch für ein vom Kulturausschuss der Kultusministerkonferenz aufgrund entsprechender Beratungen im Unterausschuss Denkmalpflege vorbereitetes Positionspapier zur Situation von Denkmalschutz und Denkmalpflege in Deutschland. Die Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland und der Verband der Landesarchäologen haben sich deshalb gemeinsam entschlossen, die denkmalpolitische Positionsbestimmung der Kultusministerkonferenz parallel in ihren Fachorganen zu veröffentlichen und einem breiten Kreis von Kollegen der Bau-, Boden- und Gartendenkmalpflege in Ländern und Kommunen sowie der interessierten Fachwelt bekannt zu machen.
Denn die Standortbestimmung und die Empfehlungen der für Denkmalschutz und Denkmalpflege in der Bundesrepublik Deutschland verantwortlichen Fachministerkonferenz der Bundesländer liefern Anlass und Ermutigung, eine sich seit längerem abzeichnende Debatte in der Denkmalpflege über die Zukunft des eigenen Faches und Anliegens aktiv aufzugreifen. Schließlich handelt es sich nicht nur seit Jahren erstmals ausdrücklich und ausschließlich wieder um einen Kulturministerbeschluss, der denkmalspezifischen Inhalten und Rahmenbedingungen der Kulturpolitik der Länder gewidmet ist; vielmehr handelt es sich auch um eine bundesweit richtungsweisende oder zumindest um eine länderübergreifende Orientierungslinien aufteigende Entschließung zur Rolle und Zukunft der Denkmalpflege als öffentliche Aufgabe in einer sich verändernden Welt.
Das Papier unterstreicht und bekräftigt die Bedeutung der Denkmalbehörden für eine zeitgemäße Wahrnehmung des Konservatorenauftrags. Diese bilden unverzichtbare Knotenpunkte in einem Denkmal-Netzwerk, das mehr denn je auf eine breite Vermittlung von konservatorischem Fachwissen, auf Kooperation mit Partnern und auf Stärkung des bürgerschaftlichen und privaten Denkmalengagements angewiesen ist. Angesichts einer neuen Unübersichtlichkeit, wie sie die Stichworte '.schrumpfende Städte" und "schrumpfende öffentliche Haushalten in der Bundesrepublik signalisieren, plädiert die Kultusministerkonferenz nämlich nicht für eine Rückkehr zu sogenannten "konservatorischen Kernaufgaben" und ein Anknüpfen an die alte Übersichtlichkeit vor dem Europäischen Denkmalschutzjahr 1975 oder der deutschen Einigung von 1990. Sie geht viel mehr aus von dem seither erreichten Status: Von der gewachsenen Anerkennung von Denkmalschutz und Denkmalpflege als wichtiges Politikfeld in der Gesellschaft und von dem gestiegenen Stellenwert, der Denkmalschutz und Denkmalpflege als Kulturfaktor in einer Ressourcen schonenden und Identität wahrenden Stadt- und Landentwicklung zukommt.
Verändert, weil ausdifferenziert und erweitert, haben sich nicht nur Denkmalbegriff und das allgemeine Denkmalverständnis, sondern komplexer geworden sind auch der Konservatorenauftrag und die Arbeitszusammenhänge unserer beruflichen Tätigkeit selbst. Die Forderungen nach verstärkten Aus- und Weiterbildungsangeboten auf dem Gebiet der Denkmalerhaltung und Denkmalvermittlung, die empfohlene Einbeziehung des konservatorischen Erhaltungsanliegens in die - jüngst erst in der Koalitionsvereinbarung der Bundesregierung bestätigte - Fortführung der Initiative Baukultur und in nachhaltige Entwicklungsstrategien oder auch der Appell zur gezielten Förderung des ehrenamtlichen Denkmalengagements und der bürgerschaftlicher Denkmalinitiativen reagieren nicht nur auf neue Herausforderungen zu Beginn des neuen Jahrhunderts, sondern zugleich auf Forderungen aus Konservatorenkreisen nach denkmaldienlichen Rahmenbedingungen. Das Positionspapier der Kultusministerkonferenz "Zukunftsfähigkeit von Denkmalschutz und Denkmalpflege" verschafft diesem Anliegen der Denkmalpflege Gehör und bietet ihm eine Chance."
Positionspapier der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (KMK): Zukunftsfähigkeit von Denkmalschutz und Denkmalpflege
1. Denkmalschutz und Denkmalpflege nach dem Zweiten Weltkrieg
Im Zuge des Wiederaufbaus, der wirtschaftlichen Expansion und des Straßenbaus wurde in der Nachkriegszeit bis in die Siebzigerjahre hinein mehr historische Substanz und damit auch Bau- und Bodendenkmale vernichtet als durch die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges. Ein Wertewandel trat ein, als Wachstums und Fortschrittsgläubigkeit kritisiert und zunehmend in Frage gestellt wurden. Der Denkmalschutz – besser das einzelne Bau-, Boden oder Gartendenkmal – ist häufig der Anlass gewesen, die Stadterneuerungs- und Landesentwicklungspolitik insgesamt zu überdenken und den Weg einer erhaltenden Stadterneuerung und verantwortungsvollen Fortentwicklung der historischen Kulturlandschaft einzuschlagen. Das Europäische Denkmalschutzjahr 1975 markiert diesen Wendepunkt.
Denkmalschutz und Denkmalpflege galten fortan nicht mehr als Hemmnis, sondern als Motor für Stadtentwicklung, standortbedingte Attraktivität und landschaftsspezifische Unverwechselbarkeit. Neue Gesetze, administrative Maßnahmen, staatliche Förderprogramme und nicht zuletzt Steuervergünstigungen haben bundesweit dazu beigetragen, Denkmalschutz und Denkmalpflege nachhaltig zu fördern und ihren Stellenwert sichtbar zu machen.
Die Achtzigerjahre sind die Reife- und Blütezeit dieser Entwicklung, im bundesdeutschen Nachkriegsstädtebau gelten sie als die Periode der erhaltenden Stadterneuerung, in der Landesentwicklung als Zeit der identitätsstiftenden Akzentuierungen. Die historischen Stadtgrundrisse bewahren, alte Bausubstanz behutsam erneuern, prägende Bodendenkmäler integrieren, die Wachstumspotenziale nutzen, um der alten Bausubstanz neues Leben zu geben, das sind die Fundamente dieser bewahrenden Politik. In den Neunziger Jahren wurde dieser Weg fortgesetzt und mit sichtbarem Erfolg auch in den neuen Bundesländern beschritten. Dort waren die historischen städtebaulichen Strukturen in großen Teilen erhalten geblieben, der Zustand der Bausubstanz war jedoch aufgrund der verfehlten DDR-Baupolitik überwiegend katastrophal.
Städte, Dörfer und Landschaften in den neuen Ländern haben von den Erfahrungen der alten Bundesrepublik vielfach profitiert. Die Fehler der westdeutschen Wiederaufbauphase konnten dort vielerorts vermieden werden, die historische Substanz wurde zum Ausgangspunkt und Leitbild der urbanen Renovierung. Als besonders erfolgreich erwies sich hierbei das Sonderprogramm Städtebaulicher Denkmalschutz im Rahmen der Städtebauförderung. Gleichwohl kam es aber auch hier zu Verwerfungen, weil durch die exzessive Nutzung der Sondersteuerabschreibungen und eine großzügige Genehmigungspraxis selbst denkmalwerte Bau und Gartenanlagen sowie Objekte von archäologischem Interesse erheblich beeinträchtigt oder gar zerstört wurden.
2. Neue Herausforderungen für Denkmalschutz und Denkmalpflege zu Beginn des neuen Jahrtausends
Zu Beginn des neuen Jahrtausends stehen Denkmalschutz und Denkmalpflege vor neuen Herausforderungen, wieder kündigt sich ein Paradigmenwechsel an. Im Gegensatz zum vorangegangenen wird er aber nicht von interdisziplinär und auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen geführten Diskussionen vorbereitet und begleitet. Die vermeintlichen und tatsächlichen Zwänge von Globalisierung und Strukturwandel und der damit einhergehende Veränderungsdruck, aber auch die schwierige Finanzsituation der öffentlichen Haushalte sind die bestimmenden Faktoren.
Allzu oft sind Kosten und kurzfristige Einspareffekte, nicht aber kultureller Wert und nachhaltige Wirkung die ausschlaggebenden Kriterien. Der politische Wille zu ,neuem Wachstum" und schnellem Handeln" fördert heute die Neubau- und Expansionsmentalität und schwächt behutsame Erneuerungsstrategien. Dabei sind letztere nach wie vor gefragt, insbesondere in Hinblick auf die in großer Zahl freiwerdenden Bahnanlagen und Kasernen, die großindustriellen Brachflächen vor allem in den ostdeutschen Ländern, die Sanierungsnotwendigkeiten im Massenwohnungsbau und angesichts der Überforderung vieler Glaubensgemeinschaften mit ihrer Verantwortung für zu große und oftmals nicht mehr benötigte Kirchen. Neue Gefahren erwachsen der historischen Bausubstanz – besonders in den neuen Ländern – durch das Problem der schrumpfenden Stadt". Das Oberangebot von Wohnungen bei zunehmender Abwanderung ins Umland und insgesamt abnehmender Bevölkerung führen zu bedrohlichen Leerstand in den Altstädten.
Denkmalschutz und Denkmalpflege jedoch scheinen ihre politische Lobby verloren zu haben und auf das verbale Bekenntnis am Tag des offenen Denkmals reduziert zu sein. Im Schatten der alles beherrschenden Schlagworte Deregulierung, Investition und Innovation drohen Bewahren und Erhalten wieder als Inbegriffe für Fortschrittsfeindlichkeit und Investitionshemmnis missbraucht zu werden. Gesetzesnovellierungen zielen auf eine Senkung des erreichten Standards ab, die Förderetats sind drastisch zurückgefahren worden, Stellenpläne werden kontinuierlich gekürzt. Die Verantwortung für das baukulturelle und archäologische Erbe ist in Gefahr, immer weniger als staatlicher Kulturauftrag und zunehmend als private Aufgabe der Zivilgesellschaft definiert zu werden.
3. Zukunftsfähigkeit von Denkmalschutz und Denkmalpflege
Ziel von Denkmalschutz und Denkmalpflege ist es, Grundlagen und Rahmenbedingungen zu erarbeiten, um gewachsene historische Strukturen zu erhalten, gegebenenfalls mit neuer Architektur und Gestaltungselementen störungsfrei zu verknüpfen und nachhaltige Perspektiven für die Orte gesellschaftlichen Lebens und der gesellschaftlichen Identitätsfindung zu eröffnen. Die Fachdisziplin muss die Grundlagen liefern und vermitteln. Eine breite öffentliche Akzeptanz ist die Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit von Denkmalschutz und Denkmalpflege. Der Staat schließlich muss dafür die Rahmenbedingungen schaffen und garantieren.
Denkmalschutz und Denkmalpflege sind also auf allen Ebenen gefordert, sie müssen nicht nur reagieren, sondern sich an dem sich abzeichnenden Prozess aktiv beteiligen. Ihre Positionen im gesellschaftlichen Wertesystem sind zu analysieren, gegebenenfalls neu zu definieren und zu konturieren.
Dafür ist es im Einzelnen notwendig,
- innerhalb der Denkmalpflege:
Anspruch und Wirklichkeit anhand einer umfassenden Erhebung zu evaluieren,
die Theorie und Methoden des Faches zu überprüfen und fortzuschreiben,
die Kommunikationsfähigkeit zu pflegen und zu schulen,
noch vorhandene restriktive und reaktive Handlungsmuster durch werbende und offensive, am Grundsatz der Verhältnismäßigkeit orientierte Strategien zu ersetzen,
eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit als Bestandteil des Tagesgeschäftes auf- und auszubauen,
zwischen den einschlägigen Institutionen:
- strategische Allianzen zu bilden,
- eine effektive Arbeitsteilung zu organisieren,
- Kooperationen zu stärken,
in der Gesellschaft:
- einen Diskurs über historisches Erbe, Baukultur und Urbanität anzustoßen, lokale und regionale Unverwechselbarkeit in einer globalisierten Welt zu garantieren,
- unverzichtbare Grundlagen für die Bewahrung von Heimat anzubieten,
- sich als Mittler zwischen Vergangenheit und Zukunft auszuweisen,
in der Politik:
- Denkmalschutz und Denkmalpflege als wichtiges Segment im Kontext mit anderen Politikfeldern zu definieren und insbesondere als wirksamen Beschäftigungs- und Standortfaktor herauszustellen,
- die Erhaltung des kulturellen Erbes unter den Aspekten der Ökologie und der Ressourcenschonung als wesentlichen Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung zu verankern.
Als Maßnahmen kommen dafür in Betracht:
- Bewährte Einrichtungen (Denkmalfach- und -schutzbehörden) zu erhalten und zu stärken, damit sie sich den wandelnden Anforderungen anpassen können, verstärkte Lehrangebote für die theoretischen und praktischen Grundlagen von Denkmalschutz und Denkmalpflege, zusätzliche Qualifizierungsangebote für die berufsvorbereitende und berufsbegleitende Aus- und Weiterbildung in Denkmalpflege und Denkmalmanagement,
- Aktivierung der verschiedenen Foren für Baukultur sowie Bau- und Bodendenkmalpflege im Sinne strategischer Allianzen und intensivierter Kooperationen,
- Stärkung des ehrenamtlichen Engagements und bürgerschaftlicher Initiativen bei der Trägerschaft und der Erhaltung von Denkmälern sowie der Vermittlung des Denkmalschutzgedankens,
- eine Gesetzesinitiative zur Halbierung des Mehrwertsteuersatzes auf Arbeits- und Sachleistungen in der Denkmalpflege, eine Gesetzesinitiative zur Gleichstellung des Erwerbs von Baudenkmälern mit Neubauten in der Eigentumsförderung.
Abgedruckt in: DSI 01/2003, Seite 82 - 86
