03.06.2001

"50 Jahre Vereinigung der Landesdenkmalpflege in der Bundesrepublik Deutschland" – Prof. Dr. Manfred F. Fischer zum Festkolloquium anlässlich der Denkmalpflegertagung 2001 in Halle.

"Das Denkmal als Bild" war Thema der Jahrestagung der Landesdenkmalpfleger vom 19. bis 22. Juni 2001 in Halle. Mit diesem Thema sollte ein Beitrag zur Positionsbestimmung der Denkmalpflege und ihres Auftrages im Umgang mit dem Denkmal geleistet werden. Wenn auch der fachliche Konsens gilt, dass Denkmalpflege die Substanz der Denkmale in Schutz zu nehmen habe, nicht nur ihr Bild, so ist zunehmend eine Vermittlung dieser Aufgabe für eine wachsende Öffentlichkeit notwendig. Die Tagung zeigte, wie sich unser Bild der Denkmale im Laufe der Zeit durch Verfall, Umbau, Umnutzung aber ebenso auch durch die Arbeit der Denkmalpflege verändert und versuchte, die rechte Balance zwischen "Erhaltung der Substanz" und dem "Denkmal als Bild" aufzuzeigen.

Der eigentlichen Jahrestagung vorgeschaltet war ein Festkolloquium am 18. Juni aus Anlass des 50-jährigen Bestehens der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland. Prof. Dr. Manfred F. Fischer, ehemaliger Landeskonservator von Hamburg, zog in seinem nachfolgend abgedruckten Vortrag Bilanz über 50 Jahre Vereinigung der Landesdenkmalpfleger:

"Unter den nach dem Zweiten Weltkrieg zur Neustrukturierung des kulturellen Lebens in Deutschland gegründeten Institutionen, von denen viele ihr 50-jährigen Bestehen bereits begehen konnten, ist die seit 1951 ihren Namen "Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland" eine der jüngeren. Die Würdigung ihrer Geschichte weist mir zum einen die Rolle des Chronisten zu, der darlegen soll, in welchem Kontext dieser fachliche Zusammenschluss deutscher Denkmalpfleger entstanden ist, zum anderen die des wertenden Historikers, der den Bezug zu Fragen der Gegenwart herstellen soll. Die Aktenüberlieferung der "Vereinigung" ist wegen des häufigen Ortswechsels ihrer Geschäftsstelle lückenhaft. Daher sei gleich gesagt: Als Institution ist die "Vereinigung" zwei Jahre älter, und heute bietet nur das Jubiläum der Namensgebung Anlass zum Feiern.

Dieser Zusammenschluss aus traditionsreichen älteren Ämtern mit Fachinstitutionen der ehemaligen preußischen Provinzialverwaltungen zu einer neuen Handlungsgemeinschaft spiegelt auch die politische Geschichte der Bundesrepublik Deutschland wider Die handelnden Personen waren vielfach schon länger, z.T. bis zurück in die Weimarer Republik, als Denkmalpfleger tätig gewesen, sie stellten also Kontinuität dar. Sie fühlten sich als apolitische Fachleute. Bezeichnend ist das in ihren frühen Äußerungen so häufige Bild vom Ausgeliefertsein gegenüber fremden Mächten. Fritz Schumacher brauchte im Oktober 1945 in seiner berühmten Rede zum Wiederaufbau Hamburgs das Wort vom "apokalyptischen Geschehen, das über uns dahingebraust ist", womit er die Folgen des Krieges meinte und nicht die Ursachen. Paul Clemen nannte es ebenso und Georg Lill beschwor 1946 den ,Sturm, der dahingefegt war, das Inferno". Es war die Fassungslosigkeit der im Kriege für Schutz und Notmaßnahmen und danach für den Wiederaufbau Mitverantwortlichen, denen alle Vergleichsmaßstäbe entwichen waren.

Auch die gewohnten Formen der Kommunikation hatten sich aufgelöst, nämlich die beiden Säulen, auf denen die gemeinsame Arbeit geruht hatte. Die Fachzeitschrift, seit 1934 mit dem Titel "Deutsche Kunst und Denkmalpflege", hatte schon 1944 ihr Erscheinen einstellen müssen. Die seit 1900 jährlich veranstalteten "Tage für Denkmalpflege" waren 1944 mit einer Tagung in Eger, unter Teilnahme hoher Luftschutzexperten, zu Ende gegangen. Die Jahre vor 1951 waren keine "Niemands-Zeit" gewesen. Viele Entscheidungen aus der Not waren schon viel früher, z.B. für Lübeck gleich nach den verheerenden Zerstörungen von Palmarum 1942 zu füllen gewesen. Die damals in Deutschland im staatlichen Auftrag tätigen Konservatoren hatten also bei Kriegsende einen doppelten Verlust erlitten, zum einen ihre organisatorische Arbeitsgrundlage, zum anderen schon rein substanziell unendlich viele Objekte ihrer Zuwendung und ihres dienstlichen Auftrages.

Durch die Siegermächte wurden die in ihren Besatzungszonen angetroffenen Ämter für Denkmalpflege zum Aufbau neuer Strukturen verwendet. 1946 hatte die sowjetische Mititäradministration zu einer ersten Sitzung ihres Zuständigkeitsbereiches nach Weimar geladen. Der südliche bzw. südwestliche Teil Deutschlands, also die amerikanische und französische Zone, hatten aus der Geschichte dieser Gebiete eine größere Kontinuität, mit sofort einsatzfähigen Strukturen. Anders war dies in der britischen Besatzungszone, denn hier mussten Ämter unterschiedlicher Entstehungsgeschichte zusammengeführt werden.

Die zehn Denkmalpfleger und Museumsleiter, die am 16. Februar 1946 auf Ladung der Kontrollkommission für die britische Besatzungszone am Dienstsitz von deren Kunstschutzorganisation in Bünde in Westf. zusammentrafen, stammten aus den ehemaligen preußischen Provinzen Schleswig-Holstein, Hannover, Westfalen, Nord-Rheinland, dem Lande Braunschweig und aus Hamburg. Sie konstituierten sich unter dem ehem. rheinischen Provinzialkonservator Franz Graf Wolff Metternich mit der Bezeichnung "Denkmal- und Museumsrat Nordwestdeutschland". Stellvertreter wurde Carl Georg Heise, Direktor der Hamburger Kunsthalle. Eine Geschäftsstelle wurde am Dienstsitz Metternichs in Bonn eingerichtet. Nach einem weiteren Treffen in Braunschweig am 12. /13. Juni 1946 wurde am 25. Juli 1946 ein formalisiertes Berichtssystem an die Besatzungsmacht festgelegt. Denn dies war der Hauptzweck des Rates, nämlich fachliche Zuarbeit für eigene Entscheidungen zu erhalten. Schon am 27./29. August 1946 waren Metternich und Heise erstmals als offizielle Abgesandte der britischen Zone zu Gast in München, trafen mit dem bayerischen Generalkonservator Georg Lill zusammen und besichtigten den dort eingerichteten amerikanischen "collecting point" für Kulturgut.

Der politischen Entwicklung folgend wurde bei der nächsten Sitzung am 25./27. September 1946 in Köln eine dem Entstehen der Länder entsprechende Gliederung der Kunst- und Kulturorganisationen gefordert. Bayern bot sich für den Aufgabenbereich der Denkmalpflege als Idealmodell an. Hingegen wurde einhellig das französische Modell abgelehnt. Am 12. Dezember 1946 in Herford zielten die Beschlüsse schon auf eine größere Verselbständigung der deutschen Verwaltung, desgleichen dann am 26. März 1947 in Münster, nachdem im Januar 1947 die sog. Bizone eingerichtet worden war. Die folgende Sitzung des Rates am 25. / 26 Juni 1947 in Hamburg, mit einer Exkursion nach Lübeck, war geprägt von der Debatte grundsätzlicher Fragen, so z.B. zum Wiederaufbau von St. Marien in Lübeck, aber auch zum Hamburger "Glockenlager", wo die Reste der dort einst aus dem ganzen Reich zum Einschmelzen zusammengetragenen Glocken inspiziert wurden. Die beiden nächsten Treffen am 09. Oktober 1947 in Soest und am 18./19. März 1948 in Bonn zeigten schon deutlich die auch von der Militärverwaltung geteilte Notwendigkeit einer über die Zonengrenzen hinausgehenden Zusammenarbeit, ja eines endgültigen Zusammenschlusses der Denkmalpfleger in einer gemeinsamen Organisation.

Aus den Sitzungsprotokollen der ersten Jahre des nordwestdeutschen Museums- und Denkmalrates gehen sehr deutlich die wichtigsten Fragen hervor, die von den Fachleuten und der Militärverwaltung zu regeln waren. Im Vordergrund standen anfangs reine Sicherungs- und Notstandsmaßnahmen für das Allernötigste, z.B. die Genehmigung für Transporte, Zuteilung von Kohle, von Photomaterial, von Papier, von Chemikalien für Restaurierungswerkstätten. Erst in zweiter Linie konnte an einen planmäßigen Wiederaufbau gedacht werden. Auf die sog. Trümmerämter war einzuwirken wegen Bergungen bei Abbrüchen von Bauten und Ruinen. Bei Sprengungen von Luftschutzbunkern drohten Schäden an benachbarten Denkmalen. Schließlich brachte die Belegung vieler bedeutender profaner Baudenkmale mit Flüchtlingen Probleme mit sich, die an die Besatzungsmacht herangetragen werden mussten. Dennoch begann mancherorts schon damals der Wiederaufbau bzw. die Reparatur von Kriegsschäden. Selbst erste Bauforschungen und Grabungen konnten trotz der Not eingeleitet werden.

Auch Weiterführendes wurde damals bereits gründlich behandelt, wie z.B. sehr bald Grundsätze für den Wiederaufbau zerstörter Städte. Fragen der Integration der Denkmalpflege im Städtebau wurden vor allem am Beispiel rheinischer und westfälischer Städte erörtert, auch Richtlinien über die Zusammenarbeit mit den Staatshochbauämtern.

Aus dem aktuellen Anlass der anstehenden Bodenreform stand die Frage der Berücksichtigung größerer Einheiten und Ensembles aus Schloss, Gutshaus und Gutsanlage, Park, Garten, Sammlungen und Bibliotheken etc. zur Debatte. Aus verständlichen Gründen hatte hier Schleswig-Holstein die Debatte angeregt. Schon damals wurde auch die Frage des Erlasses von Denkmalschutzgesetzen erörtert, zumindest was Rahmenbedingungen betraf. Man diskutierte daher die neuen Länderverfassungen und deren Auswirkungen auf die kulturellen Aspekte.

Besprochen wurden auch Fragen der Inventarisation, vor allem unter Berücksichtigung der Kriegsschäden. Die Engländer erwogen damals eine Dokumentation aller Kriegsverluste in Europa, ein in dieser Form freilich illusionäres Unterfangen, wie sich gezeigt hat. Bei allen diesen Sitzungen informierten sich die Museums- und Denkmalpflege Fachleute der englischen Zone vor Ort und gaben durchaus freimütige Empfehlungen ab. Der Ausschuss als Autorität wurde bald auch um spezielle Gutachten gebeten. Er brachte auch selbst Appelle und Monita auf den Weg, erst im eigenen Bereich, später auch übergreifend. So schaltete er sich in die Debatte um den Wiederaufbau des Goethehauses in Frankfurt ein, ohne zuständig zu sein, inhaltlich durchaus selbst gespalten. Beim Besuch in Köln ging man bei Besichtigung des Domes sehr ins Detail mit Gutachten und Forderungen, z.B. zur Verlegung des Bahnhofs als Ursache des Steinzerfalls. In Braunschweig schaltete man sich wegen des drohenden Abbruches barocker Fassaden ein und diskutierte, wie in Hildesheim auch städtebauliche Fragen. In Lübeck gab es klare Meinungsäußerungen, z.B. gegen einen Wiederaufbau des erst nach dem Kriege zerstörten Paradieses am Dom, aber für den Schutz der Ruine des Domchores. Es war also eine schöpferische Anfangssituation, bei der Zuständigkeiten noch eine geringe Rolle spielten.

Als einigendes Band für die Denkmalpfleger gab es nach der Einstellung der Fachzeitschrift damals nur die von Georg Lill in München 1946 vorbereitete und 1947 erschienene Neupublikation "Die Kunstpflege", auf holzhaltigem Papier gedruckt, mit der Nummer 1 als Beginn einer Notserie gekennzeichnet. Sie war ein eindrucksvolles Dokument des Versuches der Kontinuitätswahrung im Dialog unter Fachleuten gleicher Erfahrung. Die Aufgabe, die Lill im Vorwort ansprach, hieß: "Wiederaufbau und Neuaufbau, Bewahren oder Verzichten, pietätvolles Festhalten oder kühnes Neugestalten". Der Band umfasste Grundsätzliches u.a. aus der Feder der noch vor seinem Erscheinen verstorbenen Autoren Paul Clemen und Fritz Schumacher, er brachte Berichte aus allen vier Besatzungszonen, sollte also eine einigende Klammer sein. Er zeigte wie in einem Brennspiegel alle damaligen Fragen und war das erste und zugleich auf lange Zeit letzte Zeugnis gesamtdeutscher Publikationsarbeit unseres Faches. Die Zeitschrift selbst konnte erst 1952 fortgesetzt werden mit einem Band, den Josef Maria Ritz im Herbst 1951 redigiert hatte.

Am Vorabend der Währungsreform, als sich also die getrennten politischen Wege in den Einflusssphären auf deutschem Boden deutlich abzeichneten, wurde der Versuch zu einer übergreifenden Zusammenarbeit in der Denkmalpflege unternommen, über die sich verfestigenden politischen Grenzen hinweg. Die Initiative hatte der bayerische Generalkonservator Georg Lill ergriffen. Er lud zu einem gesamtdeutschen Treffen von Denkmalpflegern zum 15. bis 17. Juni 1948 nach München ein. Die 47 Teilnehmer kamen aus allen Ländern. Hermann Deckert aus Hannover sprach aus, was damals alle wussten, dass sie nämlich die letzten waren, denen der unzerstörte Zustand der deutschen Denkmalwelt, der deutschen Städte noch geläufig war, und dass dieses Wissen schon bald vergangen sein würde und die nächste Generation sich dies alles nur noch aus Büchern und Bildern erschließen könne. Heute, über 40 Jahre danach, ist es nur für ganz wenige noch erlebte Geschichte, für alle anderen Vergangenheit.

Alle fachlichen Fragen wurden durch die Besichtigungen vor Ort in München vertieft. Das Münchner Protokoll mit seinen zur Verbindlichkeit neigenden diplomatischen Formulierungen täuscht aber über manchen Dissens hinweg. In privaten
Aufzeichnungen des ebenfalls anwesenden Hamburger Denkmalpflegers Bernhard Hopp klingen die Debatten in ihrer Schärfe und z.T. Unversöhnlichkeit viel lebendiger auf. Der schwerste Konflikt wurde durch den schon deutlich politisch agitierenden Berliner Vertreter Gerhard Strauß provoziert, anlässlich der Debatte um die in allen vier Besatzungszonen anstehende Bodenreform mit ihren Folgen für große Land- und Kunstbesitze, mit seiner bekennerhaften Unterwerfung unter die neue sozialistische Doktrin. So gab es heftige Zurechtweisungen.

Dennoch hofften die Anwesenden weiter auf übergreifende Zusammenarbeit, wie Lill es formulierte: "Wir müssen alles versuchen, das, was scheinbar trennend zwischen uns steht, zu überbrücken, indem wir in ständiger Fühlung bleiben. So wird die Gefahr des Auseinanderreißens vermieden werden". Man vereinbarte für jede der vier Besatzungszonen einen Ansprechpartner. Sodann wurden Resolutionen verabschiedet, z.B. ein Brief an General Clay, mit der Bitte, sich für die Rückgabe des im Kriege widerrechtlich von seinem Standort entfernten berühmten Sterzinger Altares an seinen rechtmäßigen Eigentümer einzusetzen, damals ein hohes Politikum, schließlich aber auch ein Appell zur Bewahrung kulturell gewachsener Einheiten bei der Anwendung der anstehenden Bodenreform auf größere Grundbesitze, als Resümee der kontroversen Debatte. So endete die Münchner Konferenz doch nur in der Verfestigung der Trennung. Eine gesamtdeutsche, übergreifende Organisation der Denkmalpflege stand auf lange Zeit in den Sternen.

Ober die Münchner Sitzung wurde dem nordwestdeutschen Museums- und Denkmalpflege-Rat am 29./30. September 1948 in Kappenberg berichtet. Schon die nächste Sitzung des Gremiums am 09./10. März 1949 in Goslar sah als Gäste auch Kollegen aus Bayern, Hessen und Südbaden sowie Vertreter der beiden anderen Besatzungsmächte. Nun wurde das endgültige Zusammengehen der Denkmalpfleger der drei westlichen Besatzungszonen beschlossen. Das Goslarer Protokoll räumt mit Bedauern ein, dass es nur ein westdeutscher Verband sei, der hier entstehe. Doch seien ostdeutsche Gäste stets willkommen.

So entstand der Zusammenschluss der in Westdeutschland wirkenden staatlichen Denkmalpfleger im Rahmen der Kulturhoheit der Länder, parallel zur politischen Entwicklung: Mit dem Grundgesetz vom 23. Mai 1949 und der Verfassung der DDR vom 30. Mai 1949 war die deutsche Spaltung vollzogen. Die neue Organisation der staatlichen Denkmalpfleger, gebildet auf einer Sitzung im Juni 1949 in Marburg, noch unter dem Namen "Verband westdeutscher Denkmalpfleger" erhielt Georg Lill als Vorsitzenden. Die Geschäftsstelle wurde in Bonn belassen.

In dieser Konstellation tagte der Verband erstmals am 20./23. Juni 1950 in Tübingen. Als dann die nächste Sitzung in Lüneburg, Hamburg und Lübeck, also von drei Bundesländern getragen, am 18./21. Juni 1951 stattfand, hatte sich die personelle Situation inzwischen geändert. Lill war erkrankt und aus dem Amt geschieden, Metternich schied aus und übernahm in Rom die Leitung der Bibliotheca Hertziana.

In Lüneburg wurde beschlossen, den Namen des Verbandes zu ändern. Auf Vorschlag von Deckert, Hannover, kam es zu dem bis heute gültigen Namen "Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland". Neuer Vorsitzender wurde sodann durch Wahl der seit dem 01. April 1950 als Denkmalpfleger der Freien und Hansestadt Hamburg wirkende frühere Provinzialkonservator von Schlesien, Günther Grundmann. Die Geschäftsstelle wurde von Bonn nach Hamburg verlegt. Die Vereinigung gab sich bei ihrer nächsten Jahrestagung 1952 in Trier eine Satzung. Der erste Paragraph der Geschäftsordnung lautete:

"Die Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland bezweckt die Behandlung gemeinsamer Fragen und Aufgaben von grundsätzlicher und praktischer Bedeutung für die deutsche Denkmalpflege".

So war aus den Fragmenten älterer Strukturen eine neue Organisation des Zusammenwirkens der mit der Wahrnehmung der Denkmalpflege als kulturpolitischem Auftrag betrauten staatlichen Ämter gebildet worden, exakt zum föderativen Aufbau der jungen Bundesrepublik Deutschland passend. Die "Vereinigung" fügte sich, als fachlich legitimierter Zusammenschluss der staatlichen Denkmalämter bewusst nicht berufsständisch organisiert, in das insgesamt recht konservative Umfeld dieser Zeit ein. Das Hauptziel ihres Wirkens lag in ihrer Verankerung im Zusammenspiel mit anderen staatlichen Entscheidungsträgern, im Gegenüber zu Kommunen, Kirchen und öffentlichen wie privaten Eigentümern.

Diese Zielrichtung ist klar dem Zehnjahresbericht Grundmanns von 1960 zu entnehmen, dem einzigen wirklich auf die Vereinigung als Organisation bezogenen Rückblick, der je erschienen ist. Logisch gliedert er in "innere" und äußere" Aufgaben und Ziele. Zum Binnenverhältnis zählte Grundmann die Anerkennung der Vereinigung als Fachverband durch die Kultusministerkonferenz 1952, die Garantie der Jahrestagungen zum fachlichen Erfahrungsaustausch und die Herausgabe der Fachzeitschrift, als Teil des Satzungsauftrages. Nach außen betrieb er die wichtigen Schritte aus der Isolation des Faches nach dem Krieg, hin zur internationalen Anerkennung, vor allem bei der UNESCO.

Der chronikalischen Vollständigkeit halber seien die Eckdaten der künftigen Entwicklung, also der vergangenen So Jahre hier genannt: Grundmanns Amtszeit endete mit seiner Pensionierung 1960, ihm folgte im Vorsitz der bayerische Generalkonservator Heinrich Kreisel, diesem wiederum 1963 Werner Bornheim gen. Schilling, Landeskonservator von Rheinland-Rheinland-PfalzPfalz, der das Amt bis 1975 innehatte. Seit der Jahrestagung 1975 in Goslar mit einer geänderten, aber von der Kultusministerkonferenz nie offiziell approbierten Satzungsänderung, folgte, beginnend mit Gottfried Kiesow, der Vorsitz bis heute immer mit vierjähriger Dauer. Erst 1993 wurde eine endgültige Satzung mit der Kultusministerkonferenz erarbeitet und gebilligt, die in ihrem Verzicht auf Detailregelungen manchem Blütentraum zwar nicht entsprechen mochte, aber gerade in ihrer lapidaren Kürze hohe Gestaltungsspielräume garantierte.

In der politischen Öffentlichkeit in ihrer Kompetenz und ihrem Auftrag nie grundsätzlich in Frage gestellt, hatten die in der staatlichen Denkmalpflege Tätigen einen ihren Bewegungsspielräumen entsprechenden Anteil am Wiederaufbau in der ganzen Bandbreite fachlicher Möglichkeiten, mit Ergebnissen, die noch 1945 niemand für möglich gehalten hätte. Weitgehend noch ohne gesetzliche Grundlage arbeiteten die Landesämter für Denkmalpflege als Fachämter einzig aus ihrem tradierten kulturpolitischen Auftrag und aus ihrer fachlichen und moralischen Kompetenz her aus. Der schon in der Satzung auffallende Kollektiv-Singular des Wortes "Die Denkmalpflege", zumal in Verbindung mit dem territorial zu verstehenden Adjektiv "deutsch", definierte eindeutig einen Anspruch, in der Verpflichtung der Fachleute, als sachkundige Anwälte der ganzen Fülle der Denkmalweit zu wirken, auch in der Rolle des lästigen Mahners, freilich ohne die Garantie, in Abwägungsprozessen oder, pessimistisch gesagt, im Machtspiel der Interessen immer durchzudringen.

Bei dem hier nur schlaglichtartig möglichen Blick auf fünfzig Jahre der "Vereinigung" ist als Selbstzeugnis nur wenig Programmatisches zu finden. Am Anfang steht der schon genannte Zehnjahresbericht von Grundmann von 1960. Den nächsten und letzten Rückblick brachte Werner Bornheim im Jahre 1970, in dem insgesamt der Rückschau gewidmeten Doppelheft dieses Jahres unserer Fachzeitschrift, schon mit einem deutlich skeptischen Blick, angesichts einer zunehmenden Häufung von Verlusten. Sonst sind nur die Grundsatzreden der jeweiligen Vorsitzenden bei den Jahrestagungen zu befragen, die verschiedenen öffentlichen Erklärungen der Vereinigung sowie die ganze Bandbreite der in der Zeitschrift veröffentlichten fachlichen Erkenntnisse und Problemdarlegungen bzw. die Themenschwerpunkte der Jahrestagungen selbst.

Man kann die 50 Jahre der "Vereinigung der Landesdenkmalpfleger" in fünf Hauptabschnitte mit inhaltlichen Schwerpunkten einteilen. Voranzuschicken ist ein Blick auf 40 Jahre getrennter Entwicklung in zwei deutschen Staaten mit verschiedenen politischen Systemen: Schon heute verblasst bei manchen Jüngeren die Kenntnis der Rahmenbedingungen, unter denen die "Vereinigung" sich mit dem Fragmentarischen ihrer Wirkungsmöglichkeiten arrangieren musste. Schon Grundmann stellte 1960 fest, dass das Angebot einer Öffnung für die Fachkollegen, die in der DDR ganz anders organisiert waren, nach wie vor bestand, dass aber aus politischen Gründen der Austausch nie zu einer Selbstverständlichkeit werden konnte.

Ein gesamtdeutscher Erfolg blieb die Fortführung einiger Forschungsprojekte, z.B. des Schinkel-Werkes, des Dehio-Handbuches und des Corpus Vitrearum. Die Dokumentation der Kriegsschäden erschien hingegen getrennt, wobei die beiden Bände für die DDR vorbildlich schnell schon 1978 erschienen, lange vor ihrem westdeutschen Gegenstück.

Bei spektakulären Einzelentscheidungen in der DDR meldete sich auch die "Vereinigung zu Wort. Umsonst freilich verhallten ihre Appelle und Proteste bei den Sprengungen des Berliner Schlosses, des Stadtschlosses und der Garnisonkirche in Potsdam – gemeinsam übrigens mit dem Protest bei der Beseitigung des Braunschweiger Schlosses – und ohne befriedigende Antwort blieb ihr rechtzeitiges besorgtes Nachfragen zur Zukunft der Paulinerkirche in Leipzig.

Der fachliche Kontakt blieb trotz der undurchdringlichen Grenze lebendig. Bei der Gründungstagung 1951 in Lüneburg-Hamburg-Lübeck waren Kollegen aus der DDR als Gäste anwesend, ebenso bei vielen späteren Tagungen. 1962 im Anschluss an die Jahrestagung in Niedersachsen sowie 1965 in Hessen ergaben sich sogar Exkursionsmöglichkeiten nach Sachsen-Anhalt bzw. nach Thüringen, in der Fachzeitschrift jeweils Anlass ausführlicher Fachberichte. Die Zeitschrift blieb überhaupt ein wichtiges Kontaktmittel: Immer wieder brachte sie Berichte über die Situation in der DDR. Offizielle Besuchskontakte wurden erst wieder nach Abschluss des deutsch-deutschen Kulturabkommens möglich, so 1987 im Anschluss an die Jahrestagung in Lüneburg, sowie die beiden Fachtagungen 1989 zum Thema Inventarisation in Hannover und im Herbst des gleichen Jahres zum Thema Steinzerfall in Dresden. Das erste Treffen ostdeutscher und westdeutscher Denkmalpfleger auf der Wartburg im März 1990 leitete die endgültige Überwindung der Teilung ein.

Doch zurück zu den Hauptepochen der Geschichte der "Vereinigung". Der erste Zeitabschnitt, von 1951 bis ungefähr 1966, war eine Phase des Neuaufbaues. Das damals von den sich wieder konstituierenden Vertretern der staatlichen Denkmalpflege zur Schau getragene Vertrauen in die öffentliche Akzeptanz ihres Auftrages traf bisweilen auch auf unerwartet heftige Gegnerschaft. Wer sich heute über ungerechtfertigt empfundene Vorwürfe in der öffentlichen Debatte beklagt, dem sei gesagt, dass Anfang der 50er Jahre manches noch wesentlich harter formuliert wurde, in fundamentalistischer Kritik, ja sogar unterstellender Abqualifikation.

1953 musste Ritz einen Artikel in "Die Neue Stadt" als "hochnasige Ausschließlichkeit" abwehren, in dem Carl Oskar Jatho höchst rigoristisch und moralisierend vom "mächtig angewachsenen Heer der Denkmalpfleger" gesprochen hatte, das die Szene nun beherrsche. Rückblickend hatte er resümiert: "mit dem Ende der Gangsterherrschaft war es auch mit dem Alleinbestimmungsrecht des Denkmalpflegers aus". Fast ebenso scharf waren einige Töne in der Debatte um den Wiederaufbau des Neuen Schlosses in Stuttgart 1954 gewesen. Hier hatte sich Max Bense so weit verstiegen, mit Blick auf die Befürworter der Wiederbenutzung des Schlosses von einer "kulturellen Hispanisierung" zu sprechen. Man sieht also, die heutigen Debatten sind nichts Neues.

Diese erste Phase der Konsolidierung der "Vereinigung", die Grundmann 1960 beschrieben hat, hatte ihr Ziel in der Wirkung nach innen und außen gehabt. Den Akten ist zu entnehmen, dass man auf alle Diskussionen um Denkmalschutzgesetze in den einzelnen Ländern - nur Schleswig-Holstein erhielt damals ein solches - Einfluss zu nehmen versuchte. Man prüfte auch übergreifende Gesetze des Bundes in ihrer Auswirkung auf die Denkmale in den Ländern, äußerte sich zur Abwanderung national wertvollen Kulturgutes, zur Luftschutzgesetzgebung, zu Steuerfragen oder dem Vollzug der sog. Haager Konvention. Insofern positionierte sich die "Vereinigung" als Sprachrohr für den gesamten Aufgabenbereich Denkmalpflege, sprach ihrem Selbstverständnis entsprechend als legitimiert für die "deutsche Denkmalpflege". Ihre Organe, nämlich die Jahrestagungen und die Zeitschrift wurden als Bestärkung der Position der einzelnen Ämter in ihren länderspezifischen Aufgaben genutzt.

So war es verständlich, dass der Vorsitzende in Einzelfüllen auch als Gutachter gerufen wurde, sei es in kollegialer Amtshilfe, sei es auch von Gerichten wie in dem spektakulären Fälschungsskandal um die Freskenrestaurierungen in St. Marien zu Lübeck nach 1951. Die Mitwirkung der Vereinigung war den Kollegen vor Ort oft sehr willkommen, z.B. bei der kontroversen Diskussion um die Planungen für den Stuttgarter Schlossplatz, bei der Debatte um die Beseitigung des barocken Stuckes im Langhaus des Würzburger Domes oder auch bei der kritischen Begleitung der Restaurierung des Speyerer Domes, oft im engen Schulterschluss zu den Kollegen der Kunstgeschichte an den deutschen Universitäten.


Auch wenn es nie programmatisch geäußert wurde, so ist doch die 1957 bis 1959 in der Fachzeitschrift der Vereinigung" geführte Debatte zwischen Heinrich Kreisel und Peter Hirschfeld um die Schutzwürdigkeit der Baukunst des späteren 19. Jahrhunderts ein entscheidender Schritt für Denkmalpflege und Kunstwissenschaft gewesen. Brachte sie doch endlich die längst fällige Loslösung aus den Fesseln der von der normativen Ästhetik der Zeit um 1900 und dem Generationenkonflikt geprägten Ablehnung der damals noch stigmatisierten Baukunst des Historismus und der Gründerzeit und öffnete den Weg zur Heranführung der Zeitgrenze für abgeschlossene Kulturepochen auf den Konsens der heute allgemein anerkannten Generationengrenze. Bald wurde nun, gefördert durch die Publikationsserie der Thyssen-Stiftung, die Kunst des 19. Jahrhunderts zu einem Forschungsschwerpunkt, der die Denkmalwelt durchleuchten half und Entscheidungshilfen gab für eine große Zahl potenzieller Baudenkmale dieser Zeit. So war von der "Vereinigung" als Forum ein wichtiger Impuls für die Forschung ausgegangen.

Ihre internationale Verknüpfung fand die "Vereinigung", als Grundmann 1954 zum korrespondierenden Mitglied von ICOMOS in Paris berufen wurde. 1965 wurde dann ein eigenes deutsches Nationalkomitee von ICOMOS gegründet, wobei die Fragen des Verhältnisses zur "Vereinigung" nie zu einer Klärung kamen.

Der Öffentlichkeit präsentierte sich die "Vereinigung" im Jahre 1966 mit einer Wanderausstellung unter dem Patronat von ICOMOS, mit dem Titel "Bewahren und Gestalten". Sie war ein respektabler Rechenschaftsbericht in konservativer Aufbereitung, eine umfassende Darlegung aller Tätigkeitsfelder, der wesentlichen Fragen und Ergebnisse des Wiederaufbaues nach 1945. Die aktuelle Gefährdung der Denkmalwelt trat dem gegenüber eher in den Hintergrund, wurde aber nicht verschwiegen, z.B. mit der Darlegung innerstädtischer Hausabbrüche zugunsten von Kaufhäusern und der Sonderproblematik der Ausweitung des ganze Landschaften verschlingenden Braunkohle-Tagebergbaues am Niederrhein.

Bald war jedoch nicht mehr zu übersehen, dass trotz aller Wiederaufbauleistung mit dem Wirtschaftswunder auch eine Welle der Zerstörung durch manche bis dahin noch intakte, ja bisweilen sogar durch die Reste stark kriegsgeschädigter Orte ging. Eine neue Standortbestimmung für die gesamte Gesellschaft war vonnöten. Man kann diese zweite Phase, von ca. 1965 bis 1985, als Krise und Rückkoppelung bezeichnen. Ab der Mitte der 60er Jahre war es nicht mehr allein das kleine Häuflein von Spezialisten, das sich einem mächtigen Zeitgeist entgegenstemmte, sondern die Bürger selbst begannen zu erkennen, dass die bisher oft einseitige Verfolgung rein wirtschaftlicher Ziele sich zerstörerisch auf ihre Lebensumwelt auswirkte. Schon 1960 hatte in der Fachzeitschrift der "Vereinigung" ein Nicht-Denkmalpfleger aus Würzburg die Gefahr "wertblinder Selbstenterbung" in seiner Heimatstadt beklagt. Noch 1961 wurden in Konstanz wertvolle barocke Bürgerhäuser in der Altstadt zugunsten eines Kaufhauses abgebrochen. Gleiches geschah mit wichtigen
Zeugnissen der Stadtgeschichte in Göttingen, schon begleitet von heftigen Bürgerprotesten. Etwas später bei der geplanten Veräußerung des berühmten Zeughauses von Elias Holl in Augsburg zur kommerziellen Auskernung brach ein Sturm der Entrüstung los, um nur einige Beispiele zu nennen. Die Wiederentdeckung der zwar mit Mängeln behafteten, dafür aber Entscheidungsvielfalt bietenden und vielfältige Botschaften tragenden historischen Stadt als Umfeld und als Gegenpol war eine notwendige Rückkoppelung zur Findung neuer Wertsetzungen für die Gestaltung der Zukunft, als Unterpfand privater und gesellschaftlicher Entscheidungsfreiheiten. Das Denkmal wurde zum Träger emanzipatorischer Botschaften. Diese Tendenz spiegelte sich innerhalb der "Vereinigung" deutlich in den neuen Themenschwerpunkten der Beiträge der Fachzeitschrift wider, z.B. in den noch heute bei der Lektüre so erfrischenden Beiträgen von Hartwig Beseler, seinen Ulmer Vortrag von 1968 und seinen Bericht über den Kölner Kunsthistorikertag von 1970.

So brachten die 70er Jahre den Aufbruch zugunsten eines besseren Schutzes der Denkmale. Nacheinander wurden in allen Ländern der Bundesrepublik Schutzgesetze erlassen oder novelliert. Die finanziellen Hilfen für Denkmaleigentümer besserten sich merklich, es wurden Förderprogramme beschlossen, von den Ländern wie auch durch die Bundesregierung, und die Personalkapazitäten der Landesämter für Denkmalpflege wurden, den gestiegenen Aufgaben entsprechend, fast überall aufgestockt. Manchenortes wurde auch die kommunale Entscheidungsebene gestärkt und eingebunden.

Das in Deutschland unter dem Motto "Europäisches Denkmalschutzjahr" propagierte Sonderjahr der UNESCO 1975 schien allenthalben nur Freunde und Förderer der Denkmalpflege zu sehen. Das damals gegründete und bis heute ergebnisreich arbeitende Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz bewirkte eine effektive Einbindung aller gesellschaftlichen Kräfte. Immer wieder hat es aktuelle Themen aufgegriffen und im politischen Raum Verständnis bewirkt. Das Denkmalthema bekam Konjunktur und es entstanden allerorten Organisationen, die sich seiner annahmen. Viele Fachwerkstädte z.B. schlossen sich zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen, beim Deutschen Städtetag entstand ein kommunaler Arbeitskreis Denkmalpflege, die Schlösserverwaltungen, die Gartenfachleute, die Experten für Technische Denkmäler, die Dozenten bei den neu eingerichteten Aufbaustudien für Denkmalpflege bildeten Arbeitskreise.

Ihre Wirksamkeit wurde nun auch wesentlich mit bestimmt durch die seit den 70er Jahren eingerichteten fachlichen Arbeitsgruppen, denen die Bearbeitung vielfältiger Spezialfragen delegiert wurde und deren Ergebnisse als fachliche Äußerung oder als Handreichung für die Partner und die Betroffenen mit dem Bonus der "Vereinigung" versehen deren Kompetenz dokumentierten und in der Öffentlichkeit als Hilfe akzeptiert wurden.

Auf manche Themen aber, die von außen angestoßen wurden, hat die "Vereinigung" überhaupt nicht reagiert. Armin Mohlers naiver Zeitungskommentar von 1974 zum Thema "Denkmalkopie" mit dem Ruf nach einer neuen Denkmalpflege-Theorie wurde in seiner Brisanz nicht einmal bemerkt. Doch wurde hier erstmals all das an gesprochen, was seit den 80er Jahren bis heute so kontrovers diskutiert wird und zu großen Missverständnissen in der Öffentlichkeit geführt hat. So wichtige Herausforderungen wie der Vortrag von Willibald Sauerländer 1975 in Goslar zur "Erweiterung des Denkmalbegriffes", noch heute in seiner Wirkung bis in fast jede Politiker-Äußerung zu verfolgen, sind niemals offiziell mit einer Klarstellung beantwortet worden.

So muss man trotz des deutlichen Anwachsens des öffentlichen Interesses einen Verlust an Gemeinsamkeit bei der "Vereinigung" selbst feststellen. Im Konzert der vielen Mitspieler, in einer inflationär anwachsenden Fülle von Publikationen und im Rückzug auf die immer mehr sich verrechtlichende Arbeit des eigenen Zuständigkeitsbereiches verlor das gemeinsame Handeln an Schwung. Ein Indiz hierfür ist die schon von Hartwig Beseler beklagte Vernachlässigung der Zeitschrift als Klammer, zugunsten einer Fülle dezentraler Publikationsserien. Trotz einer beispiellosen Erfolgsserie, trotz oder gerade wegen der Erfahrung einer hohen Zuwendung war versäumt worden, die Frage einer Erneuerung angesichts veränderter Rahmenbedingungen im Auge zu behalten.

So kann man die dritte Epoche in der Geschichte der "Vereinigung". etwa die Jahre bis 1990, als eine Phase der Selbstkritik bezeichnen. Schon 1986 in Speyer hatte August Gebeßler als Vorsitzender der "Vereinigung" kritisch eine "Inflation des Denkmalpflegens" festgestellt. Angesichts der Fülle der thematisch Interessierten und Beteiligten konnten Unscharfen und Missverständnisse über Inhalt, ja auch Grundsätze denkmalpflegerischen Handelns dabei nicht ausbleiben. Ein Indiz hierfür sind die kritischen Formulierungen des Philosophen Hermann Lübbe, der den Wandel von der Pflege der originalen Denkmale zu der statt dessen häufig anzutreffenden Inszenierung ihres Schauwertes als Fehlentwicklung kritisierte. Lübbe erlag freilich seinerseits einer Fehldeutung des Auftrages der Denkmalpflege, in der Meinung, dass Denkmalpfleger ähnlich den Archivaren den Auftrag hätten, ihre Gegenstände als unveränderbare Quellen jenseits der Geschichte aufzubewahren. Doch auch die Denkmalpflege lebt in der Zeit und wandelt sich wie diese. Denkmale sind keine Dinge jenseits des Lebens, sondern sie stehen mitten darin, da sie in der Nutzung sind. In der Aneignung durch die jeweilige Gegenwart werden sie Objekte, ja bisweilen auch Opfer zeitbedingter Strömungen und Modeerscheinungen.

Dennoch waren Richtigstellungen nötig, da sich in der Tat manche Fehlentwicklung eingeschlichen hatte, z.B. wenn das klar definierte Arbeitsfeld der Denkmalpflege bisweilen zur Erreichung von Zielen eingefordert wurde, für die den Handelnden auch andere, nämlich planerische Instrumente zu Gebot standen.

So war es folgerichtig, dass die Jahrestagung in Lüneburg 1987 den "Umgang mit dem Original" zum Thema machte, und dass sich 1988 in Fulda dies in der intensiven Frage nach der "Identität der Baudenkmale im Wandel" verdichtete, bis zu der provozierenden Frage von Reinhard Bentmann, ob wir nicht in der Gefahr seien, Komplizen einer "Fälscherzunft" zu werden.

Eine neue Etappe in ihrer Geschichte traf die Vereinigung westdeutscher Denkmalpfleger eben sowenig vorbereitet an wie die deutsche Gesellschaft insgesamt: Die friedliche Beendigung der deutschen Teilung 1989/90 überraschte auch sie. Jedem einigermaßen Informierten war aber klar, dass dies für die gebaute Umwelt in der DDR, also auch für viele Denkmale, Stadtkerne und Stadtquartiere, deren nahes Ende damals besiegelt zu sein schien, buchstäblich die Möglichkeit zur Rettung in allerletzter Minute bedeutete. Die meisten von den im März 1990 verabschiedeten Wartburg-Thesen konnten sehr bald von der Politik umgesetzt werden. Die "Vereinigung", erweitert um die fünf aus der Auflösung des bisherigen Instituts für Denkmalpflege entstandenen Landesämter für Denkmalpflege der neuen Bundesländer, wandte sich sofort der Fülle der akuten Aufgaben zu. Die Aufbruchstimmung dieser Zeit spiegelt sich sehr gut in Heft 1 des Jahrganges 1991 unserer Zeitschrift wider.

Mit großer Dankbarkeit konnten wir erfahren, dass diese Herausforderung, die von vielen ganz persönlich erlebt wurde, auch zu Hilfsprogrammen auf allen politischen Entscheidungsebenen geführt hat. Selten hatte deren Notwendigkeit auch eine so hohe Resonanz in der Bevölkerung. Nie gab es ein so starkes Anwachsen des subsidiären Bereiches, in Form von Patenschaften, von Hilfsaktionen, von Stiftungen und privatem Engagement. Zur rechten Zeit bestätigten auch Aktionen der Werbung und Information wie z.B. der "Tag des offenen Denkmals" das Interesse der Bevölkerung an diesem Thema, an das auf diese Weise auch die Entscheidungsträger der Politik noch besser herangeführt werden konnten.

Die Vereinigung", bereichert durch den intensiven Dialog mit den Kollegen aus den neuen Bundesländern, sollte also dankbar sein. Nicht jede Meinung konnte sich in der Öffentlichkeit zur Gänze durchsetzen und auf Verständnis stoßen. Doch allein die Tatsache, dass anlässlich des Umzuges der Bundesregierung nach Berlin deren anfangs hypertrophe Abriss- und Neubaupläne fast auf der ganzen Linie zugunsten der Nutzung vorhandener Staatsbauten, meist hochrangiger Denkmale, zurückgenommen wurden, war ein Erfolg besonderer Art, vor allem weil hier deutlich die Richtigkeit des Reimpaares "Sparen" und "Bewahren" der Öffentlichkeit vorgeführt werden konnte.

Jeder Einsichtige, der in den östlichen Bundesländern die Eindrücke von 1990 mit den heutigen vergleicht, kann den insgesamt positiven Wandel feststellen, auch wenn die vielen noch ungelösten Fälle davon umso drastischer abstechen und in der Tat sehr kritische Fragen nach den Ursachen provozieren. Denn: neben den vielen positiven Erfahrungen ist auch das Erlebnis des Vergeblichen bei allen Bemühungen den für die Denkmalpflege Verantwortlichen nicht erspart geblieben. Mit einem Umschwung der Wertsysteme zugunsten des wirtschaftlichen Vorteils musste jeder Realist rechnen. Dabei gerieten die Anwälte der zu schützenden Minderheiten, also der Umwelt, der Natur und der Denkmale, zwangsläufig bei Pragmatikern in die Rolle der Verhinderer, und dem folgten alle bereits von früher bekannten Mechanismen wie z.B. die Novellierung gerade erst erlassener Gesetze, die Änderung von Verwaltungsstrukturen zum Zwecke schnellerer Handhabung, die Vereinfachung des Planungs- und Baurechtes, die dem Denkmalrecht die undankbare Rolle eines ärgerlichen "Fossils des Ordnungsstaates" zuwies. Die "Vereinigung der Landesdenkmalpfleger", als legitimierte Repräsentanz des Faches durch vielfache Deregulierungen bereits geschwächt, hat immer wieder Hilfe in der öffentlichen Debatte erfahren, nicht zuletzt durch das unermüdlich im politischen Raum tätige Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz. Dennoch muss die Erfahrung der Grenzen der Vermittelbarkeit ihres Themas in der gegenwärtigen Abwägung politischer Prioritäten zum überdenken der Strategie führen.

So sei der abschließende Blick nach vorne gerichtet. Dies vor allem, weil die seit längerem erkennbare Entwicklung jüngst durch ein unglücklich formuliertes und ebenso unglücklich öffentlich debattiertes Grundsatzpapier aus der Kulisse der politischen Bühne von vielen als eine existenzielle Bedrohung empfunden worden ist. Hier aber werden die Anwälte der Denkmale nur von einer Tendenz erreicht, die ganz allgemein zu beobachten ist. Sie fordert die Vertreter des Naturschutzes und des Umweltschutzes in gleicher Weise, ja alle Institutionen, zu deren undankbarem Auftrag es gehört, im Ernstfall auch unbequem, also eine Herausforderung zu sein.

Ist die Erregung unter den Denkmalpflegern und ihren Verbündeten nur deshalb so groß, weil man sich sicher fühlte und geborgen in dem Glauben, durch klare Gesetze sowie im Schutze rechtsgültiger Urteile ein bestimmtes Kapital an Vertrauen aufgebaut zu haben? Sicher: ein allgemeines kulturelles Interesse besteht weiterhin, wenn etwa in den Schlagzeilen anerkennend von Ergebnissen denkmalpflegerischer Arbeit wie von Ausgrabungen, Restaurierungen oder technologischen Spezialfragen berichtet wird. Hier wirkt der Bonus der Spezialisten, der Sachverständigen. Doch der Spezialist wird bei der Diskussion mit privaten Interessen der Bürger auch schnell in die Rolle dessen gedrängt, dem das Augenmaß für die wirklichen Bedürfnisse der Menschen abgeht. Die Bewunderung schlägt also im Falle der eigenen Betroffenheit sehr schnell um in Ängste vor Bevormundung.

Diese Abwehr erwächst aus einem grundsätzlichen Wandel in der Einstellung der Bürger zum Staat. Infolge der Individualisierung der Gesellschaft wollen die Menschen generell nicht mehr von außen gesagt bekommen, was zu tun sei. Alle Institutionen, die früher für das Setzen von Normen verantwortlich gewesen sind, haben heute mit einem großen Ansehensverlust zu kämpfen, vor allem, wenn sie gewisse Verhaltensweisen einfordern. Alle Schutzinstitutionen, sofern sie nicht die Bürger selbst unmittelbar vor einem Schaden bewahren, stehen damit vor einem neuen Legitimationszwang. Dies ist ein Faktum, dem sich auch die Denkmalpfleger stellen müssen.

Dem kann aber die positive Erfahrung entgegengesetzt werden, dass sich in kaum einem anderen Bereich der öffentlich debattierten Wertsetzungen in den letzten Jahren ein so großes Wachstum an Zustimmung gezeigt hat wie beim Thema der Denkmalpflege. Trotz aller Veränderungen bei Entscheidungsfindungen hat es noch nie ein so vitales Interesse der Öffentlichkeit an Fragen der Denkmalpflege gegeben wie heute. Noch nie gab es so viele in Vereinen, Förderkreisen und Stiftungen engagierte Menschen, die sich um bedrohte und gefährdete Denkmale bemühen, und noch nie standen uns so viele Plattformen zur Verfügung, um das Thema öffentlich zu behandeln. Wir sehen also ein gewaltiges Potential an subsidiären Kräften in der Gesellschaft.

Denkmalpflege wird also immer im Spannungsfeld zwischen großer Zuwendung im allgemeinen und höchst widersprüchlicher Einstellung im speziellen Konfliktfall an gesiedelt sein, sie wird immer - um mit Hartwig Beseler zu sprechen - eine Herausforderung bleiben. Es wäre Illusion, zu glauben, sich gleichsam auf einen wachsenden Sockel des Verständnisses in der Öffentlichkeit verlassen zu können. Der Zwiespalt zwischen privaten und öffentlichen Interessen ist Teil des Tagesgeschäftes. Denn Denkmalpflege gehört zu den Kulturaufgaben, und zwar zu den undankbarsten, da sie von vielen Menschen im Einzelfall Einschränkung verlangt und nicht nur kulturelles Hochgefühl, also Genuss und Freude vermittelt. Sie ist also wie alle Kulturpolitik Gegenstand eines immer wieder neu zu führenden Diskurses. Auf dessen prozesshafte Wandlung in der sich oft schnell verändernden Wertedebatte müssen immer wieder neue Antworten gefunden werden.

Das bedeutet für die Denkmalpfleger und die "Vereinigung", gründlich darüber nachzudenken, wie sie auf dieses veränderte Umfeld reagieren wollen. Der Rückzug auf den Kollektiv-Singular von früher, meist anzutreffen, wenn der eigenen Meinung Nachdruck verliehen werden sollte, als ldentifikation von Wort, Sache und Sachwalter, wird dabei nicht ausreichen. "Die Denkmalpflege" ist Handeln aller Beteiligten. Erst wenn wir die inzwischen eingetretenen Strukturveränderungen anerkennen, werden wir frei dafür, uns mit Phantasie um die Vermittlung der eigenen Kernkompetenz zu kümmern. Diese an der richtigen Stelle in die gewandelten Strukturen einzubinden, so dass sie nutzbringend für die Denkmale wirken kann, ist die Aufgabe. Die "Vereinigung , schon 1951 in der Organisationsform als offen für Strukturanpassungen bezeichnet, muss das veränderte Umfeld und die hinzugekommenen Partner in der Verantwortungswahrnehmung in ihre Arbeitsweise mit einbeziehen. Sie hat z.B. vor sieben Jahren den seit 1900 bestehenden "Tag für Denkmalpflege", der seit 1944 geruht hatte, bewusst wieder als Merkposten für sich aktiviert. Hier sind Ansatzpunkte für neue Formen des Dialoges untereinander und mit der interessierten Öffentlichkeit. Die Zukunft der "Vereinigung" hängt wesentlich von ihrer Fähigkeit zum Wandel ab, den die Öffentlichkeit von ihr erwartet."

Abgedruckt in: DSI 02/2002, Seite 78 - 91

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