29.05.2012
Stuttgarts aktuelle Stadtzerstörung – Plattmachen charakterisiert die Planungsmentalität
Vittorio Magnago Lampugnani erläuterte im Stuttgarter Rathaus, was er für Gebote der guten Stadtplanung hält – fast alle werden derzeit von den Stuttgarter Planern missachtet. Quartiersweise werden Flächen für belanglose Investorenarchitektur freigeräumt, Reste kleinteiliger Innenstadtstruktur werden bedenkenlos beseitigt, monofunktionale Büro- und Shopping-Center jeder nennenswerten, bezahlbaren Wohnungsdichte vorgezogen. Stets kritisierte und warnte die Presse – vergeblich.
Nein, es geht im Folgenden nicht um Stuttgart 21. Im Bild "Am Hauptbahnhof" deutet sich jedoch an, wohin die Stuttgarter Planungsreisen führen. Der Rathaussaal war voll, als Vittorio Magnago Lampugnani, angekündigt als der "bekannteste und profilierteste Architekturhistoriker Europas", am 30. April 2012 über "persönliche Gebrauchsanweisungen zur zeitgenössischen Stadtplanung" sprach. Das tat er im Rahmen der Rosenstein-Quartiersplanungen, einem neuen Bereich im S21-Gelände. Nutzungsmischung, Feinkörnigkeit der Stadtstruktur, Vorrang des öffentlichen Raumes und so weiter: Lampugnani präsentierte nichts Neues, sondern viel von dem, was man seit Jahrzehnten weiß. Aber in Stuttgart seit Jahrzehnten missachtet. Ursula Baus berichtet:
Danke, es hat nichts genützt Eben erschien im Belser-Verlag das Buch "Architekturstadt Stuttgart. Bauten – Debatten – Visionen". Beiträge, die über viele Jahre in der Stuttgarter Zeitung von deren Architekturkritikerin Amber Sayah und vielen freien Autoren wie Arno Lederer, Franz Pesch und anderen verfasst wurden, sind hier zusammengefasst und lassen keinen Zweifel daran, dass die Planungsverfahren mit all ihren Konsequenzen nicht hinreichend kritisiert worden wären. Anerkennung des Publikums für viele ihrer Einsprüche kommentierte Amber Sayah anlässlich der Buchvorstellung im Literaturhaus Stuttgart mit "Danke. Es hat leider nichts genützt". "City Gate", "Caleido", "Milaneo", "da Vinci" (inzwischen umbenannt in Dorotheen-Quartier), "Pariser Höfe" – solche abstrusen Quartiersnamen demonstrieren bereits aufs Beste, dass die Projektchefs mit der Identität Stuttgart nichts am Hut haben. Um nicht missverstanden zu werden: Es geht nicht darum, jede Weiterentwicklung der Stadt zu verhindern. Das Projekt am Hospitalhof beweist, wie sie zum Nutzen und Frommen der Stadt und ihrer öffentlichen Räume gelingen kann. Falsch sind dagegen zu große Projekte mit banaler Architektur; zerstörend wirkt sich aus, wenn der öffentliche Raum allzu oft aufgegeben und renditeorientierten Privatinteressen überlassen wird.
Versäumtes Auf dem frei werdenden Gelände von Stuttgart 21 bieten sich der Stadt alle Möglichkeiten, absolut leergeräumte Flächen gut zu bebauen. Es ist nicht einzusehen, warum nun in der vorhandenen, sagen wir ab jetzt einfach: "Altstadt", ganze Häuserblöcke weggerissen werden – ohne Not. Zu beklagen ist vor allem, was die Stadtentwicklung alles nicht leistet. Sie schafft es nicht, Autos aus der Stadt raus zu halten, die unter schlimmen Feinstaubwerten und einer stickigen Luft leidet. Stattdessen zusätzliche Tiefgaragen im Zentrum und in dünn besiedelten Höhenlagen bauen zu lassen: Man fasst es nicht! Seit Jahrzehnten steht außerdem an, die sogenannte Kulturmeile – eine Stadtautobahn mit bis zu 10 Fahrstreifen und 100.000 Autos pro Tag, menschenverträglich umzugestalten. Nichts passiert. Man stelle sich vor: OB Schuster und Baubürgermeister Hahn eilen mit dem Projekt "Kulturmeile" und der Idee, den hier vergrabenen Nesenbach ans Licht der Welt zurückzubringen, zur Mipim? Undenkbar – und genau darin liegt das Problem: Die Macht über die Städte hat die Politik längst an Investoren abgegeben, die schamloser denn je ihre ökonomischen Interessen durchzusetzen wissen. Die letzte große Stadtzerstörung war der Ideologie der "autogerechten Stadt" geschuldet. Daraus hat Stuttgart bereits so gut wie nichts gelernt. Die jüngste Zerstörung ist dem unverhohlenen Diktat ökonomischer Interessen anzulasten – nichts Neues, gewiss nicht. Aber dass überall die Kritik daran öffentlich ist und sich keiner mehr drum schert: Das ist eine dramatische Entwicklung, die unsere gesamte Unzufriedenheit mit politischen Entscheidungsprozessen spiegelt.
Mehr Informationen zum Artikel von Ursula Baus finden Sie hier.
(Quelle: german-architects, eMagazin #21|12 vom 23. Mai 2012)

Am Hauptbahnhof: Die alte Bahndirektion soll abgerissen werden. Bild: Wilfried Dechau
links Baustelle "Das Gerber", re. innenstadtverträgl. Struktur d. Tübinger Str., Bild: Ursula Baus