Aktuelles

15.06.2010

Von der historischen Pietät zur sozialen Bewegung? - Die Bildungsgrundlagen der "modernen Denkmalpflege" (Bernd Euler)

Herr Dr. Bernd Euler, Leiter der Abteilung für Konservierung und Restaurierung des Bundesdenkmalamtes in Wien, hielt den Vortrag auf der Jahrestagung der Landesdenkmalpfleger der Bundesrepublik Deutschland am 17. Mai 2010 (zum Thema: Bildung und Denkmalpflege). Er führt in seinem Referat die historische Dimension des Bildungsanspruches der Denkmalpflege vor und fragt nach den Wert von Bildung für die heutige Denkmalpflege. Herr Euler hat dem DNK seinen Text dankenswerter Weise im Vorfeld einer Publikation der Tagung überlassen. Es gilt das gesprochene Wort.

Wenn es nicht nahe liegend oder gar selbstverständlich erschiene, dass Denkmalpflege und Bildung zusammenhängen, dann gäbe es das Thema dieser Jahrestagung nicht. Darüber scheint grundsätzlich einmal Konsens zu herrschen und sei er vorerst nur der Vermischung von Öffentlichkeitsarbeit, Ausbildung und Bildung geschuldet. Sind Bildungsgrundlagen nun aber tatsächlich der ausschlaggebende Nährboden für die Denkmalpflege und welche Art von Bildung ist in der Tat für die Denkmalpflege entscheidend? Der Befund aus der Geschichte der Denkmalpflege ist nicht einheitlich und birgt manche Überraschung. Daher ändere ich jetzt einmal meinen Vortragstitel und zwar durch Hinzufügen eines Fragezeichens, das ich hinter meine These einer fortschreitenden Entwicklung von der historischen Pietät zur sozialen Bewegung setze. Wir werden sehen, ob wir es zum Schluss noch brauchen. Mit dem Ausdruck "moderne Denkmalpflege" bezeichnen wir hier vorerst in der Terminologie ihrer Zeit die theoretische und praktische Grundlegung des Fachs im heutigen Sinne am Beginn des 20. Jahrhunderts.

Der Beginn der ganzen Sache scheint klar zu sein. Die Entstehung des Denkmalpflegegedankens in der europäischen Aufklärung setzt Bildung voraus, denn es war die Geschichte, die damals zu einem existentiellen Wert für die bürgerliche Gesellschaft und für die Formierung der Nationen geworden ist. Die Einbußen an gesicherten Wertordnungen und die Verwerfungen in der politischen Landschaft Europas im ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhundert haben neue Identitätskonstruktionen herausgefordert. Diese versprachen eine neue Verankerung in Ursprung, Gemeinschaft und universaler Ordnung. Diese Vorstellungen waren ohne Bildung nicht zu gewinnen, setzten sie doch Einsicht in die Geschichte und in die Natur als Modelle für die Herkunft und für die geordnete Funktionsweise der Welt voraus.

Die Übersetzung dieser universalen Vorstellungen in ein Bedürfnis nach Erhaltung der Geschichtsdenkmale hat bekanntlich niemand besser formuliert als Karl Friedrich Schinkel in seinem berühmten Memorandum zur Denkmalpflege von 1815, in welchem er einem Preußen ohne Denkmale die Fremdheit einer neuen Kolonie in einem früher nie bewohnten Land voraussagt. Es müsse die Erhaltung der Monumente organisiert werden, um, wie Schinkel schreibt, nationale Bildung und das Interesse am früheren Schicksal des Vaterlandes zu befördern. In Österreich hat die 1850 gegründete "k.k. Central-Commission zur Erforschung und Erhaltung der Baudenkmale" in ihrem ersten Tätigkeitsbericht von 1856 die Geschichtsdenkmale als "wichtigste Factoren der Bildung und Gesittung bezeichnet. Ihre Erhaltung sei ein Bedürfnis in allen gebildeten Kreisen". Die Aufmerksamkeit für die Bewahrung der Geschichtsdenkmale sollte den Zusammenhalt des Vielvölkerstaates in einer bei allen Völkern gleichartigen Empfindung gegenüber der Geschichte ähnlich einem religiösen Gefühl verankern. Offenkundig ging man davon aus, dass sich dieses Gefühl nicht ohne Bildung konstituieren könnte, sei es bei der Staatskonstruktion in Österreich oder sei es bei der Nationenkonstruktion in Preußen. Im gesamten 19. Jahrhundert bildeten Wissen, Erkennen und Verstehen die Grundlage für die Wertschätzung der Denkmale und die Erhaltung erschien wie eine selbstverständliche Folge daraus. Bildung begründet also Gesittung und die Einheit von "Erforschung und Erhaltung" im Titel der österreichischen Zentralkommission bezeichnete genau diese Erwartung, dass Bildung und Wissen eine bewahrende Haltung gegenüber den Denkmalen schaffen würden.

In der poetischen Sprache Adalbert Stifters, des Schulmannes, Dichters und ersten Konservators der Zentralkommission im Land Oberösterreich, sind Bildung, Weihestimmung und Ehrfurcht die Grundlagen für Denkmalsetzungen. In einem Vortrag von 1853 zur bevorstehenden Restaurierung des berühmten gotischen Flügelaltars in der Pfarrkirche von Kefermarkt im oberösterreichischen Mühlviertel wirbt er für die Erhaltung und Obsorge mit folgenden Worten: "wenn allein durch die Kunst die Völker zu höherer irdischer Bildung gehen und ihr Sein und Wesen erheben, so muß uns ein solches Kunstmerkmal unserer Vergangenheit heilig sein; … so müssen wir Ehrfurcht haben vor jedem Denkmal vergangener Kunst". Diese höhere Bildung geht über die Wissensbildung schließlich hinaus; sie ist eben "Gesittung".

Dazu gehören "Ehrfurcht" und Verehrung; diese sind Synonyme für die Pietät gegenüber dem Historischen. Stifter selbst verwendet das Wort "Pietät" nicht, aber in der Denkmalpflegesprache ist es seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die 1930er Jahre als Ausdruck der Denkmalmoral fest verankert. Ehrfurcht und Pietät beruhen erkennbar auf Bildung als Einschau in Herkunft, Wesen und Ordnung der Welt. Das ist nirgendwo besser nachvollziehbar als in Adalbert Stifters bekanntem Bildungsroman "Der Nachsommer" von 1857, in welchem Denkmalpflege erstmals Gegenstand der Literatur geworden ist. Darin erschließt der Freiherr von Risach seinem jungen Gast Heinrich Drendorf auf seinem ländlichen Ansitz im oberösterreichischen Mühlviertel die Zusammenhänge der umgebenden Natur und die Bedeutung der Kunstwerke der Vergangenheit. Am Ende dieses Bildungsweges steht die selbstverständliche Verpflichtung zur Erhaltung und Pflege der historischen Denkmale, die im milden Licht des Nachsommers und vor dem Wetterleuchten der heraufziehenden Moderne als unverzichtbare Bestandteile einer geordneten und vertrauten Welt erscheinen.

Der Einbruch in diese Welt wurde als Vandalismus erlebt und dieser wiederum als Ausdruck fehlender Bildung. In diesem Sinne stellt Josef von Doblhoff, Korrespondent der Zentralkommission für Salzburg, 1894 in seiner Schrift "Kunstpflege und Vandalismus" die Vorgänge um den Abbruch des Linzer Tores in der Stadt Salzburg dar. Die modernistischen Kleingeister, die für den Abbruch des vermeintlichen Verkehrshindernisses eingetreten sind, würden nicht über "ästhetische Bildung und Kunstliebe" als selbstverständlichen "Ausfluss allgemeiner Bildung" verfügen und so jeden besser Gebildeten hassen. Aus diesen Worten spricht die ohnmächtige Enttäuschung des Bildungsbürgertums über all jene Entwicklungen, welche diese Gesellschaftsschicht in der Spätgründerzeit bedrohten, seien es die exponentiell zunehmende Beschleunigung, die Ökonomisierung, die Großstadtbildung, die Industrialisierung und die nachfolgenden sozialen Verschiebungen zum Wirtschaftsbürgertum und zur Arbeiterschaft. Die dagegen gerichtete Bewegung der Lebensreform um 1900 war in hohem Maße eine Bewegung des Bildungsbürgertums, in der man durch die viel beschworene Erziehung wieder gesellschaftliche Breite zu erlangen versuchte.

Denkmalpflege und Heimatpflege gehörten zu dieser Bewegung. Die Nestoren der "modernen Denkmalpflege" in Deutschland um 1900 argumentierten bei ihrem Einsatz für die Denkmale vorerst weiterhin im Rahmen des bürgerlichen beziehungsweise bürgerlich-patriotischen Bildungskanons, wie er aus dem 19. Jahrhundert vertraut war. Paul Clemen setzt 1896 auf den "historischen Lehrwerth" der Denkmale und auf die "volkserziehliche Absicht" der Denkmalpflege. Georg Dehio kommt 1901 wieder zu den bekannten Begriffen der Ehrfurcht und der historischen Pietät, wenn er für die Bewahrung des überlieferten Erscheinungsbildes des Heidelberger Schlosses eintritt. Auf dem "Tag für Denkmalpflege" von 1903 spricht Dehio in einem Atemzug von "historischer Pietät und historischer Wissbegierde", welche die Erhaltung der Denkmale als Urkunden gewährleisten würden. Und so hat Dehio schon auf dem "Tag für Denkmalpflege" von 1901 gefordert, das geplante neue "Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler" solle "in dem weiteren Kreis der Gebildeten" die Beschäftigung mit den Denkmalen anregen und fördern.

Historisches Wissen und darauf aufbauend historische Pietät schienen weiterhin die Garanten der Denkmalerhaltung zu sein. In den beiden Rektoratsreden zur Denkmalpflege von Georg Dehio 1905 in Straßburg und von Konrad Lange 1906 in Tübingen geht es daher folgerichtig um Erziehung. Dehio spricht von der "Erziehung zur Denkmalsfreundschaft mit allen Mitteln von Wort, Schrift und Bilddruck, denn, wenn das Volk erst darüber unterrichtet ist, worum es sich handelt, mag es, wo Gegenwart und Vergangenheit in Konflikt kommen, die Wahl und Verantwortung übernehmen". Konrad Lange spricht von der "Erziehung der Nation zum Denkmalschutz", für die jeder Gebildete Verantwortung trage.

Bald war aber für manche noch etwas anderes klar: Wenn Denkmalpflege gesellschaftliche Breite und damit gesellschaftliche Legitimität erlangen sollte, dann dürfte Erziehung nicht nur zu Kenntnissen und zu Erkenntnissen führen und nicht nur zu Distanz gebietender Ehrfurcht. Erziehung müsste nicht nur das Denken, sondern auch das Fühlen erreichen, und es müsste eine "persönliche Denkmalpflege" entstehen, wie Paul Weber, Professor für Kunstgeschichte in Jena, das 1899 in der Zeitschrift "Die Denkmalpflege" genannt hat. Durch "wohlwollende Belehrung" müsse man "geschichtliches Fühlen erziehen" und damit stelle sich im Volk Geschmack ein. Aus dieser sicheren und gefestigten persönlichen Empfindung, wie man als Synonym für "Geschmack" auch sagen könnte, sollte Wertschätzung entstehen. Denkmalpflege berühre die Volksseele, sagt Freiherr von Biegeleben bei der Vorstellung des neuen hessischen Denkmalschutzgesetzes auf den "Tagen für Denkmalpflege" von 1903 und 1904. Daher sei das Gesetz "kein Selbstzweck, sondern nur ein Mittel zur Erziehung des Volkes", und zwar zur Erziehung zu dem "Sinn für die Pflege idealer Güter".

Ein Denkmalschutzgesetz sollte sich also auf ein breites gesellschaftliches Bedürfnis gründen. In aller Konsequenz hat dies Alois Riegl in seinem "Entwurf einer gesetzlichen Organisation der Denkmalpflege in Österreich" aus dem Jahre 1903 zu seiner Sache gemacht und er hat für diese breite gesellschaftliche Verankerung vorerst Bildung und Denkmalpflege entkoppelt. An die Stelle der Bildung tritt die Empfänglichkeit für den "Alterswert", welcher das allgemeine, anthropologische Bedürfnis nach Denkmalen erfüllt und begründet. Dieser neue Denkmalwert bezeichne "am Denkmal etwas, das Alle ohne Ausnahme angeht" und damit sei er eine "Erscheinungsform der allgemeinen sozialen Bewegung", ein Teil der "neuen, altruistisch-sozialistischen Stimmungen", wie Riegl das 1903 in seiner Schrift genannt hat. Im Vordergrund steht bei diesem Denkmalwert die sinnliche Wahrnehmung und Erfahrung von Alter und die damit verbundene "Vorstellung des gesetzlichen Kreislaufes vom Werden und Vergehen", die dem Menschen Sicherheit über seine Einbettung in die universale Ordnung und in den Zeitenlauf schenkt;

Im Zusammenhang mit den Denkmalwerten kommt Riegl 1903 zu dem Schluss, diese Stimmungswirkung bedürfe "keiner durch historische Bildung erworbenen Kenntnisse" und damit habe sie den Anspruch, "sich nicht allein auf die Gebildeten, auf die die historische Denkmalpflege notgedrungen beschränkt bleiben muß, sondern auch auf die Massen, auf alle Menschen ohne Unterschied der Verstandesbildung zu erstrecken". Während zum Beispiel der auch von Riegl eingeführte relative Kunstwert "nur von den ästhetisch Gebildeten gewürdigt werden" könne, wie er sagt, habe der Alterswert den Vorzug, "sich an Alle zu wenden und auch über den Unterschied zwischen Gebildeten und Ungebildeten, Kunstverständigen und Nichtverständigen erhaben zu sein". Weil der Alterswert unmittelbar zum Gefühl spricht, vermag er die Denkmale auch den Massen zu erschließen, die, wie Riegl schreibt, "niemals mit Verstandesargumenten, sondern nur mit dem Appell an das Gefühl überzeugt und gewonnen werden können". Ein Gefühl wohlgemerkt, das nicht beliebig ist, sondern durch die Erfahrung von Ordnung im Zeitenlauf entsteht, durch die Erfahrung von geschichtlicher Ordnung also, welche - so würde man es heute sagen - "Identität" schafft. Dabei geht es um persönliche Identität, nicht um nationale. Das geht nun über historische Pietät erkennbar hinaus.

So hat Riegl an Dehios Rektoratsrede von 1905 auch deutlich Kritik geübt. In seiner Schrift über "Neue Strömungen in der Denkmalpflege" aus dem gleichen Jahr hat Riegl "die sozialistische Tendenz des neuen Denkmalkultus", die Dehio gleichermaßen ins Treffen geführt hat, erheblich breiter begründet. Es sei nicht nur das Nationalgefühl, das gegenüber den Einzelinteressen der Denkmaleigentümer Eingriffe rechtfertige, sondern es liege der Wertschätzung der Denkmale ein Menschheitsgefühl, ein Daseinsgefühl zugrunde. Das ist eben das Gefühl für den Zeitenlauf und damit sei der Denkmalwert eine "Gefühlssache der breiten Masse". Wenn es vordergründig um Empfindung für das Alte geht und nicht so sehr um das "Schöne" und das "Historische", dann sind Denkmalschutz und Denkmalpflege von "jeder ästhetischen oder historischen Spezialbildung unabhängig", wie Riegl schreibt. Denkmalwert bemisst sich also nicht am Rang für nationale Geschichte und nicht an der Entsprechung zu klassischen ästhetischen Maßstäben, so wie das im 19. Jahrhundert der Fall war. Dass der Alterswert jedoch ein eminent ästhetischer Denkmalwert ist, darauf werden wir noch zurückkommen müssen.

Max Dvořák, Schüler Riegls und sein Nachfolger im Amt des Generalkonservators in Wien, macht die Erfahrbarkeit von Alter und von Entwicklung sogar zum Maßstab für die Aufnahme der Denkmale ins wissenschaftliche Inventar der Kunsttopographie. Diese hätte ja eine "pädagogische Mission" zu erfüllen. In seiner berühmten Einleitung zu dem 1. Band der Österreichischen Kunsttopographie von 1907 über den politischen Bezirk Krems an der Donau und namentlich über die Kulturlandschaft der Wachau postuliert Dvořák, die neue Denkmalbewertung müsse auf "Wahrnehmungen und Impressionen" beruhen, welche die Denkmale als Dokumente für das Werden und Vergehen erfahrbar machen. Über die älteren "historisch-ästhetischen Doktrinen" hinaus seien die Denkmale nun "in die Sphäre allgemeiner Interessen" aufgerückt, aus der eine "seelische Anteilnahme" resultiere. Denkmale rücken so aus den konkreten historischen Bezügen in eine allgemeine Bedeutung, also ohne Rücksicht auf nationalen, kunsthistorischen, ästhetischen oder sonstigen Rang und daher sozusagen oberhalb der Wissensbildung und oberhalb des Wissens um Normen. Von gesellschaftlicher Aufklärung durch Geschichte war noch lange keine Rede.

Hans Tietze, österreichischer Kunsttopograph und Denkmalpfleger, hat - expressionistisch bewegt - die unmittelbaren Lebenswerte der Denkmale besonders in den Blick genommen und er hat daher diese neue Trennung von historisch-ästhetischer Bildung und Denkmalsetzung mehrfach aufgegriffen. In seinem Beitrag über die "moderne Denkmalpflege" in der Zeitschrift "Die Kultur" von 1907 beschreibt er, wie die Denkmalpflegeidee "aus einer Angelegenheit der Gelehrten und Kunstliebhaber eine Sache des Volkes und der Menschheit" geworden sei. Die Gründe für die Pietät gegen das Denkmal seien im 20. Jahrhundert nun ganz andere, und zwar keine wissenschaftlichen, sondern "sittliche und allgemein menschliche Gründe". Die stimmungshaften Altersbilder als Sediment der menschlichen Schicksale könne "jeder ohne besondere Kenntnisse auf den ersten Blick erkennen", schreibt Tietze 1907. In seiner Schrift über den "Kampf um Alt-Wien" von 1910 bestätigt Hans Tietze, "daß das Verhältnis zu den Monumenten der Vergangenheit nicht eine Sache historischer Bildung, sondern allgemein menschlichen Interesses sei".

Georg Hager, Generalkonservator in Bayern, dem die Lebenswirkung der Denkmale in ähnlicher Weise immer ein zentrales Anliegen war, hat in einem Vortrag in Graz im Jahr 1911 mit dem Titel "Die Denkmalpflege, eine Hauptaufgabe im Leben der Gegenwart" die Zuwendung zu den Denkmalen als eine der Lösungen "der sozialen Frage" beschrieben. Das Erlebnis der Denkmale und die Beziehung zu ihnen sei nicht mehr bloß den Gebildeten, sondern den breitesten Massen erreichbar, weil die ideale Welt der Denkmale und ihre geistigen Anregungen jedermann zugänglich seien und es dafür keiner besonderen Vorbildung bedürfe. So scheint die historische Pietät im engeren Sinne tatsächlich in eine soziale Bewegung gemündet zu sein.

In diesem ganzheitlichen Anspruch der Denkmalwerte und in dem Bedürfnis nach Verankerung der Denkmale in ihrer Umwelt und in der gesamten Breite der Gesellschaft zeigen sich bei den Patres der "modernen Denkmalpflege", insbesondere bei Max Dvořák, naturgemäß auch Berührungen mit Heimatschutz und Heimatpflege. Dort sind sinnliche Unmittelbarkeit und emotionale Zugänge so etwas wie selbstverständliche Wegbereiter für die Wertschätzung des Guten und des Echten im Überlieferten. Karl Giannoni, Sprachrohr des Heimatschutzes in Österreich, hat in einer grundlegenden Flugschrift von 1911 "Erziehung und Gesetz" als Erfordernisse der Zeit bezeichnet. Er begründet das so: "Heimatschutz und Denkmalpflege sind eine öffentliche Angelegenheit geworden. Das Interesse an Kunstdenkmalen, an Heimatkultur und Heimatcharakter ist keine bloße Wissenssache mehr, sondern eine Gefühlssache und dadurch fähig, allgemein und volkstümlich zu sein". Wenn die malerischen Ortsbilder ihren Reiz und ihre Wirkung auf den Betrachter entfalten können und ihre Erhaltung ein allgemeines Anliegen wird, dann haben wir es, wie Giannoni sagt, "mit einer alle Kreise unseres Volkes ergreifenden Bewegung, mit einer Verfeinerung der Geschmacksbildung zu tun". Entscheidend hierfür sind eben nicht Bildungswissen und Kenntnisse, nicht der "wissenschaftliche historische Wert", sondern der "gefühlsmäßige Alterswert", den Giannoni so von Riegl übernimmt.

Riegl ging davon aus, dass dieser Alterswert zum maßgebenden Denkmalwert des 20. Jahrhunderts aufsteigen würde und die Denkmalpflege damit fest in der Gesellschaft verankert werden könnte. Die Denkmalsetzung ohne Bildungshintergrund sollte verlässlich alle Menschen erreichen. Diese Hoffnung hat sich bekanntlich nicht erfüllt. Warum ist das so? Die Antwort erscheint nahe liegend: Alle Denkmalwerte samt Alterswert sind eben doch eine Sache der Bildung. Und das war den Patres der modernen Denkmaltheorie letztlich auch bewusst.

Selbst Alois Riegl hat gewusst, dass der Alterswert von den "gebildeten Klassen", wie er es nennt, den Ausgang nimmt. Mit dem Alterswertgefühl werde eben das historische Wissen auch zur ästhetischen Quelle, sagt Riegl selbst. Der Alterswert bleibt also ein intellektuelles Thema und das mit dem Alterswert einhergehende Gefühl der universalen Harmonie ist doch nicht ganz ohne Wissen und nicht ohne Begriffe von Gesetz, Harmonie und Chaos zu erlangen. Und der Alterswert ist nicht ohne ästhetische Empfindung zu erfahren. Wenn Riegl 1905 nochmals ausführt, dass der Denkmalwert eine "Gefühlssache der breiten Masse" werden müsse, dann gibt es auch einen Nachsatz und der lautet: "wenigstens der Gebildeten". In seinem Nachruf auf Riegl schreibt Max Dvořák 1905, die künstlerische Ausstrahlung unberührter, unverfälschter Denkmale sei etwas, das "Menschen von Geschmack und Bildung" empfinden könnten. Es ließe sich auch hinzufügen, nur Menschen von Geschmack und Bildung. Es sei Riegls freundliches Verständnis sowohl für die Bildungsdispositionen, als auch für die Gefühlsdispositionen gewesen, welches "das Gelingen seiner Reform der öffentlichen Denkmalpflege erhoffen ließ". Bildung und Emotion sind also Riegls Grundaspekte der Denkmalpflege.

Max Dvořák hielt dafür, dass das Verhältnis zu den Denkmalen zwar nicht so sehr "eine bestimmte wissenschaftliche und literarische Vorbildung" voraussetzt, aber jedenfalls doch "eine künstlerische Disposition und Erziehung" benötigt. Die Aufnahmefähigkeit für die Denkmale setze ein "bewußtes oder unbewußtes künstlerisches Empfinden" voraus. So erfordere die Wahrnehmung der Schönheit und der Reize der Denkmale eben doch eine "ästhetische Schulung unseres Auges", ist auch Hans Tietze überzeugt. Max Dvořáks berühmter "Katechismus der Denkmalpflege" von 1916 trägt die Belehrung schon im Titel. Die Pietät für das historisch Gewordene hänge nicht von "besonderen Studien oder Spezialkenntnissen" ab. Die Stimmungs-, Erinnerungs- und Alterswerte seien allen zugänglich, aber nur allen, "die geistiger Genüsse überhaupt fähig sind". Voraussetzungslos ist die allgemeine Zuwendung zu den Denkmalen eben auch wieder nicht und die Denkmalerhaltung gehöre also zu den Pflichten eines "gut erzogenen und gebildeten Menschen", sie ist eben doch nicht jedermanns Sache.

Die wahre Dimension des Alterswerts im Beziehungsgeflecht von Bildung und Ästhetik, seine Rolle als Phänomen der von Interesse geleiteten Wahrnehmung und nicht der voraussetzungslosen Anschauung war wohl letztlich allen bewusst. Konrad Lange hat das auf dem "Tag für Denkmalpflege" von 1910 auf den Punkt gebracht, wo er sagt, der Alterswert beruhe auf historischen Assoziationen. Er werde umso stärker empfunden, "je tiefer die historische Bildung" sei. Das ist wohl klug beobachtet. Oskar Hoßfeld, das Sprachrohr des Heimatschutzes in der Zeitschrift "Die Denkmalpflege", hat schon in einem Beitrag zur "Denkmalpflege auf dem Lande" von 1906 auf die Bildungsgrenzen bei der tatsächlichen Akzeptanz des Alterswertes hingewiesen. Mit dem Begriff von der "Liebhaberei des feiner Gebildeten" hat er das Elitäre darin gut getroffen. Seine Einschätzung bezeichnet genau die Problematik bei der Erwartung an die Allgemeingültigkeit des Alterswerts: "Das eigene feinere Empfinden für das Poetische und Malerische des beginnenden Verfalls, für das Stimmungsvolle der durch die Zeit differenzierten Farbenwerte darf der Konservator vom Bauern nicht verlangen".

Fassen wir es zusammen: Wissensbildung erscheint als Basis für Denkmalsetzungen zu schmal und Denkmalwerte ohne Bildungshintergrund erweisen sich als Illusion. So einfach ist es also nicht mit dem Fortschreiten von der historischen Pietät der bürgerlichen Bildungsschicht zu einer allgemeinen Bewegung, in der alle ohne Voraussetzungen eingebunden sind. Daher muss das Fragezeichen in meinem Vortragstitel bleiben. Was heißt das nun tatsächlich für die Bildungsgrundlagen der "modernen Denkmalpflege"? Max Dvořák hat es in seinem "Katechismus der Denkmalpflege" von 1916 so ausgedrückt, dass die Pietät für das historisch Gewordene kaum "eine Frage der Kenntnisse" ist, "sondern eine Frage der allgemeinen Bildung des Geistes und des Charakters". Wirkliche Bildung ist also so etwas wie tieferes Verständnis und nicht Vielwissen. Hier sind wir bei der "wahren, bei der eigentlichen und lebensvollen Bildung" angelangt, wie sie Friedrich Nietzsche schon 1873 in seiner Schrift "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben" dem bloßen "Wissen um Bildung" gegenübergestellt hat. Zwischen "gebildet" und "historisch gebildet" sei ein großer Unterschied, der sich an der "Innerlichkeit" und an der Empfindungsfähigkeit bemisst.

In diesem Sinne hat Max Dvořák auf dem österreichischen Denkmalpflegetag in Bregenz 1920 davon gesprochen, dass sich das angelesene Wissen in "wahre und lebendige Seelenbildung" verwandeln müsse. Nach dem Verlust von materieller Sicherheit und Fortschrittsglauben durch die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs werde offenkundig, dass die "Glücksvorstellungen" der Menschen, wie Dvořák sagt, auch von "geistigen Gütern" abhängen müssen. Zu diesen gehöre die Gesinnung der Denkmalpflege. Im gleichen Jahr, auf der "Dritten gemeinsamen Tagung für Denkmalpflege und Heimatschutz" in Eisenach hat Dvořák hierfür den Ausdruck der "allgemeinen Pietät" geprägt, an der die Zukunftshoffnung der Denkmalpflege hänge.

Die Begriffe von allgemeiner Pietät und Seelenbildung umschreiben emotionale Sinnstiftungen, die in der weiteren Geschichte der Denkmalpflege immer wieder in eine Auseinandersetzung mit Wissensbildung und Wissenschaftlichkeit treten sollten. Willibald Sauerländer hat das in seinem legendären Vortrag zur Erweiterung des Denkmalbegriffs auf der Jahrestagung der Landesdenkmalpfleger 1975 thematisiert. Nachdem die gemeinsame bürgerlich-patriotische Bildungsgrundlage des 19. Jahrhunderts zu Ende gegangen war, habe sich die Denkmalpflege zu einer wissenschaftlichen, dokumentarischen Spezialdisziplin ausdifferenziert und das sei automatisch zu Lasten der Sinnfrage gegangen. Das Bewegende an den Denkmalen sei dabei in den Hintergrund geraten. Nun, in der Zeit der Technologie- und Fortschrittskritik der 1960er und 1970er Jahre wurde wieder das Bedürfnis nach einem emotionalen Kompensationsmodell sichtbar, in welchem die Denkmale als kulturelle Zeichen, Potenzen und Modelle so etwas wie Anbindung gewährleisten konnten. Für Sauerländer dürfe Denkmalpflege an diesen gesellschaftlichen Bedürfnissen nicht vorbeigehen. So war die Sehnsucht nach Denkmalpflege als kultureller Umweltschutz eine, wenn nicht die treibende Kraft für das europäische Denkmalschutzjahr von 1975. In der deutschen Begleitpublikation "Eine Zukunft für unsere Vergangenheit" thematisierte Michael Petzet folgerichtig die Gefahr der Isolierung einer rein wissenschaftlichen Denkmalpflege. Wissenschaftliche Bildung versus vorwissenschaftliches Bildungserlebnis für die Masse, wie Riegl es genannt hätte, war wieder ein Thema.

Diese Zweipoligkeit von ratio und Emotion ist umso spannender, als die soziale Bewegung zur Denkmalpflege in den 1970er Jahren in erheblichem Maße ja auch auf Aufklärung setzte, und zwar verbunden mit der Hoffnung auf einen allgemeinen gesellschaftlichen Aufbruch. Geschichte sollte ein Erkenntnisreservoir für emanzipiertes zukünftiges Denken und Handeln sein, wie Reinhard Bentmann 1976 schrieb. An Stelle von bloßem Seelentrost im Empfinden von Werden und Vergehen wurde Geschichte als ein Mittel zur kritischen Reflexion und Erkenntnis beansprucht, also in hohem Maße kognitiv. Geschichte wurde so als ein befreiendes gesellschaftliches Bedürfnis definiert, für das der unverfälschte Zeugniswert der Denkmale eine Grundvoraussetzung ist. Georg Mörschs Sammelband mit dem Titel "Aufgeklärter Widerstand" bringt den Erhaltungsauftrag aus dieser emanzipatorischen Perspektive auf den Punkt. Aber auch Georg Mörsch weiß, dass es zweifelhaft ist, ob der Sinn für Denkmalpflege allein über die ratio geht, ob – wie er sagt - "über die fachwissenschaftliche Argumentation allein eine hilfreiche Betroffenheit der großen Öffentlichkeit" hergestellt werden könne. Er votiert darum 1987 für eine Versöhnung des emotionalen Alterswerts mit dem kognitiven historischen Wert, ein Zusammenhang, den Konrad Lange schon 1910 benannt hat.

Die Bildungsgrundlagen für den kognitiven historischen Wert werden sich relativ leicht umschreiben lassen, da es sich in hohem Maße um Wissensbildung handelt. Dort sind Öffentlichkeitsarbeit und Sachinformation der Denkmalpflege angesiedelt. Bei der Empfindungsfähigkeit für den Alterswert, bei der Fähigkeit zur Wertschätzung, bei der "Seelenbildung" und bei der "allgemeinen Pietät" ist das schon schwieriger zu erkennen. Es hat mit kultureller Prägung, mit Wahrnehmungsfähigkeit, mit ästhetischer Empfindung, mit Verantwortungsbewusstsein, also mit der Bildung des Menschen insgesamt zu tun. Damit berühren wir natürlich auch das Thema der Bildungshintergründe, also soziales und kulturelles Milieu, Migration etc. Denkmalpflege ist von dieser Bildungsgrundlage abhängig, kann sie aber nicht beziehungsweise nicht alleine erzeugen. Wenn Denkmalpflege zu dieser Bildungsgrundlage beitragen will, muss sie Fakten und Wissen eben in Erzählungen verwandeln, die auch das Gefühl berühren und bilden. Das können viele kleine Erzählungen sein; das kann aber auch wieder die große Erzählung vom Lauf der Welt und vom Zeitenlauf sein. Dann können wir vielleicht mit Max Dvořák erneut sagen, Denkmalpflege sei eine Bildungswohltat.

Ob Bildung insgesamt noch gesellschaftlich relevant ist, um Gegenwart und Zukunft mental sowie emotional zu meistern und nicht bloß funktional zu bewältigen, das ist die entscheidende Frage. Das Verhältnis zur Denkmalpflege kann nach all dem bisher Gesagten durchaus ein Indikator dafür sein. Wenn Denkmalpfleger und Denkmalpflegerinnen über diese Bedeutung der Bildung in der heutigen Zeit kulturkritisch ins Zweifeln kommen, dann sollten sie daran denken, dass der Vertrauensverlust gegenüber der institutionellen Denkmalpflege nicht notwendigerweise auch einen Vertrauensverlust gegenüber der Denkmalpflege an sich bedeuten muss. Es ist nicht gesagt, dass Denkmalpflege an sich keinen Teil der öffentlichen Wohlfahrt mehr bilden würde, wie man das in der Schweiz noch nennen darf. Daher wird sich Bildungsarbeit für die Denkmalpflege wohl weiterhin sehr lohnen, und zwar in dem universellen Sinne von "Kulturarbeit", wie das in der Frühzeit der modernen Denkmalpflege so treffend genannt wurde.

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