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Zwischen Identität und Authentizität. Zur politischen Geschichte der Denkmalpflege in Deutschland

Michael S. Falser (Hg.)

Die Denkmalpflege in Deutschland hat den Anspruch, stets objektiv zu sein, unpolitisch und über den Parteien stehend. Dennoch oder deshalb hat sie in den letzten Jahren an Einfluss und Ansehen verloren: Ihre Rechte und Aufgaben wurden eingeschränkt, ihre Personaletats wurden gekürzt, ihre institutionelle Eigenständigkeit beschnitten oder abgeschafft.
In dieser Situation ist die Dissertation von Michael S. Falser (geb. 1973) zur politischen Geschichte der Denkmalpflege in Deutschland hilfreich, denn sie zeigt mit überzeugenden Fallbeispielen, dass die Denkmalpflege durchaus politisch war und wirkte, und dass sie politisch benutzt wurde – bis in die heutige Zeit, in der das politische Leitmotiv „Wirtschaft, Wirtschaft über alles“ alle anderen Gesichtspunkte, auch die der Denkmalpflege, überlagert und das politische Handeln bestimmt. Falser beschreibt den Beginn der Institution Denkmalpflege zu Anfang des 19. Jahrhunderts, in einer Zeit der politischen Niedergeschlagenheit angesichts der französischen Besatzung unter Napoleon. Auf der Suche nach einer nationalen Identität gewann vor allem das bauliche Erbe Bedeutung. Karl Friedrich Schinkel forderte 1815 in seinem „Memorandum zur Denkmalpflege“ eine eigene Behörde. Schinkel wollte eine staatsloyale Erziehungsarchitektur und beschränkte sich nicht auf die begutachtende und administrative Funktion der Oberbaudeputation, sondern griff mit eigenen Gegenentwürfen in zahlreiche Projekte ein. Falser schildert die Bemühungen um die Sanierung und Rekonstruktion – Vollendung – der Marienburg als gesamtdeutsches vaterländisches Denkmal und die Instrumentalisierung der mythisierten Marienburg für die Aktivierung eines rückwärtsgerichteten romantischen Patriotismus und einer aggressiven Ostpolitik.
Beim Streit um das Heidelberger Schloss 1890 bis 1910, dem zweiten Fallbeispiel Falsers, war die Denkmalpflege bereits institutionalisiert. Die Befürworter der Rekonstruktion des Schlosses verstanden das Schloss als vaterländisches Denkmal, als „Wall gegen die Feinde des Vaterlands“ mit dem Feindbild Frankreich nach Westen (so wie früher die Marienburg nach Osten). Die Fachleute, vor allem Georg Dehio, plädierten dagegen für die Erhaltung der Reste des Schlosses als Ruine und bezeichneten die Forderung nach einer Rekonstruktion des Schlosses als „Selbsttäuschung und Fälschung“, als „Kostümfest“ und „in Stein verewigte Lüge“. In der heftigen deutschlandweiten Diskussion setzten sich schließlich die fachlich kompetenten und selbstbewussten Denkmalpfleger gegen die nationalpathetischen Befürworter einer Rekonstruktion durch. Näher liegen uns die Jahre 1968 bis 1975. In der Folge der 68er-Bewegung und Willy Brandts Forderung „Mehr Demokratie wagen“ entstanden an vielen Orten Bürgerinitiativen, zum Beispiel im Frankfurter Westend und im Münchener Lehel. Angesichts der tiefgreifenden Umgestaltung und Ökonomisierung der Städte wurde Protest laut und Partizipation gefordert. Vom „Unbehagen in der Modernität“ spricht Falser und erinnert an Alexander Mitscherlichs Klage über die „Unwirtlichkeit unserer Städte“ (1965). Das Europäische Denkmalschutzjahr hatte dagegen in Deutschland eher affirmativen rückwärtsgewandten Charakter: „Eine Zukunft für unsere Vergangenheit“. Doch der Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Willibald Sauerländer eröffnete die Diskussion eines erweiterten Denkmalbegriffs des „sozialbewussten Bewahrens“ mit der Forderung „Nur mit bewahrter Vergangenheit eine urbane Zukunft“. Die sozialgeschichtliche Öffnung der Denkmalpflege ging einher mit Initiativen zur Erhaltung sozialgeschichtlich bedeutender Ensembles. Falser schildert anschaulich die Simulation und den Nachbau des Hildesheimer Marktplatzes als Beispiel für die Postmoderne, die mit einer „wertkonservativen Geschichts- und Heimatpflege“ einher - ging, die Jürgen Habermas eine „Mobilisierung zustimmungsfähiger Vergangenheiten“ nannte. Fiktion und Wirklichkeit wurden austauschbar. Diese Entwicklung entsprach der Forderung der neuen Geschichtspolitik der 1980er Jahre: Identität, überschaubare heimatliche Einheiten, alte Tugenden und Mut zur Geschichte. Die institutionalisierte Denkmalpflege – so Michael Falser – spielte das postmoderne Spiel oftmals mit. In seinem letzten Fallbeispiel belegt Falser seine zentrale These, „dass seit 1989 und der Ausbildung Berlins als deutsche Hauptstadt in deren Zentrum durch gezielte Stimulierung eines nie bestandenen (als ‚normal’ beschworenen) Vorzustandes eine Überschreibung der Erinnerungsspuren der Nachkriegszeit stattfindet, die in gefährlichen Widerstreit mit der gesellschaftlich-sozialen Realität in der lange geteilten Stadt steht“. Mit einer Fülle von Zitaten werden die Berliner Diskussionen und die zahlreichen Entwürfe dargestellt: Der Streit um den Abriss des Palasts der Republik und um den Schloss-Nachbau, der internationale städtebauliche Wettbewerb Spreeinsel, der Abriss des DDR-Außenministeriums und des „Ahornblatts“, die nachgebaute Kommandantur, die Mythisierung der Bauakademie, das umstrittene Planwerk Innenstadt. Der intelligente Entwurf von Axel Schultes und Charlotte Frank für eine Aneignung des ehemaligen Schlosses wird allerdings bei Falser leider nicht erwähnt. Der Bundestag und die Bundesregierung kommen in diesem Abschnitt nicht vor, obwohl der Bund durch seine Bautätigkeit eigene bauliche Akzente für die Hauptstadt Berlin gesetzt hat, die nicht der von Falser kritisierten Berliner Tendenz zur „Vergangenheitsverweigerung“ und „Geschichtsentsorgung“ entsprachen. Falser schildert auch nicht den politischen Hintergrund der Schloss-Debatte des Bundestags am 2. Juli 2002. Die regierende Koalitionsmehrheit aus SPD und Bündnisgrünen begriff die kulturpolitische Bedeutung dieser Entscheidung nicht und überließ die Abstimmung dem Geschmack der einzelnen Abgeordneten. Eine Minderheit der SPD-Bundestagsfraktion unter Führung des Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse (SPD) erklärte die Angelegenheit zur Gewissensfrage und votierte mit der CDU/CSU/FDP Opposition. So kam es zu einer Mehrheit für die Beschränkung des geplanten Wettbewerbs für das neue Humboldt-Zentrum auf einen Nachbau der Schlossfassaden. Die Rolle des Denkmalschutzes in den von Falser geschilderten Auseinandersetzungen in Berlin ist zwiespältig. Kritische Denkmalpfleger wurden vom Senat zum Schweigen verurteilt, einige Denkmalpfleger schwenkten jedoch auf die populäre Rekonstruktionslinie ein. Am Ende setzte sich die Tendenz durch, bei der baulichen Berliner Gesamtgeschichte die Jahre 1945 bis 1989 auszublenden. Michael Falser hat seine Dissertation breit angelegt. Bei den Fallbeispielen der Denkmalpflege schildert er nicht nur die jeweilige Diskussion, sondern den kulturellen und politischen Hintergrund. Das Bildmaterial ist reichhaltig, die Fußnoten sind lesenswert, die Quellenangaben verlässlich. Falser endet mit der Forderung nach einer „selbstkritischen, dialogischen Öffentlichkeitsarbeit“ der Denkmalpflege, um ihr „demokratisch zuerkanntes, institutionalisiertes Mandat für die Erhaltung des materiell-kulturellen Erbes … zu behaupten“. Der Rezensent gesteht, dass ihm die Dissertation gut gefällt, zumal er Falsers Auffassung teilt, dass die kulturpolitische Entwicklung auch die Geschichte der Denkmalpflege bestimmt. Für die Architekten ist Falsers Buch wertvoll, weil es ihnen deutlich macht, dass die Architektur ebenso wie die Denkmalpflege in die geistigen, sozialen, ökonomischen und politischen Entwicklungen der Gesellschaft eingebettet ist, dass ihre Entwicklung nicht naturwüchsig verläuft, dass Architekturformen nicht beliebig sind. Denkmalpflege und Architektur sind nicht autonom, sondern zeigen den Zustand einer Gesellschaft, zeigen ihre Probleme, ihre Werte, zeigen, wer in einer Gesellschaft was zu sagen hat und wie eine Gesellschaft leben will.

Peter Conradi, Stuttgart

Michael S. Falser (Hg.), Zwischen Identität und Authentizität, Zur politischen Geschichte der Denkmalpflege in Deutschland, Dissertation an der TU Berlin, Dresden, 2008, 44,80 €, ISBN 987-939888-41-3

(Quelle: Denkmalpflege in Baden-Württemberg, Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege, Heft 2/2010, Jahrgang 39)

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