Aktuelles

11.11.1991

Empfehlung zur Gefährdung und Zerstörung von Bodendenkmälern durch Sondengänger und Raubgräber

Schwerin, 11. November 1991

Die Bodendenkmäler (archäologische und auch paläontologische Denkmäler) sind wichtige Erkenntnisquellen für die Menschheits- und Erdgeschichte; sie sind vielfach die einzigen Zeugnisse vergangener Epochen und Kulturen. Ihrer Erforschung kommt große Bedeutung zu. Dabei sind Informationsträger nicht nur die obertägig sichtbaren Anlagen und die im Boden liegenden Sachen.

Archäologische Erkenntnisse sind in besonderem Maße auch aus dem archäologischen Kontext – Fundumstände, Fundzusammenhänge, Bodenverfärbungen und Bodenveränderungen – zu gewinnen. Fund und Befund zusammen stellen die "Bodenurkunde" dar. Werden die archäologischen Spuren und Hinweise, die in ihrer Gesamtheit den "Tatort Geschichte" ausmachen, nur unvollständig erfasst oder gar zerstört, dann verringert sich die historische Aussage der Bodendenkmäler bis zur Wertlosigkeit; oft wird der Aussagewert auch verfälscht.

Seit Jahren und in immer noch zunehmendem Maße zerstören Raubgräber an vielen Stellen die archäologischen Befunde. Dabei werden zum Aufspüren von Metallgegenständen (Münzen, Schmuck, Alltagsgeräte) in großem Umfang Geräte (z.B. elektromagnetische Sonden, Metalldetektoren, Erdradar) eingesetzt. Der durch die Tätigkeit von Sondengängern und Raubgräbern entstandene und entstehende Schaden für die Archäologie ist außerordentlich groß. Durch eine konsequente Anwendung der bestehenden Vorschriften und durch eine Überwachung ihrer Einhaltung konnte die Zahl der unerlaubten Eingriffe in den Boden vermutlich erheblich verringert werden.

1. Grabungen und Erdarbeiten auf fremden Grundstücken, auch auf solchen in öffentlichem Besitz, sind ohne Zustimmung des Eigentümers unzulässig. Wer gräbt oder auf sonstige Weise in ein Grundstück eingreift, muss den
Nachweis erbringen können, dass er dazu zivilrechtlich berechtigt ist.

2. Die zivilrechtliche Gestattung solcher Arbeiten durch den Eigentümer genügt aber für sich allein noch nicht. Zum Schutz der archäologischen Erkenntnisse erforderlich ist daneben stets (auch wenn Grundeigentümer und Ausgräber zusammenwirken wollen) eine Erlaubnis/Genehmigung nach dem Denkmalschutzgesetz, für deren Erteilung die landesrechtlich bestimmten Behörden (Untere Denkmalschutzbehörden, Denkmalamt, Landesarchäologie) zuständig sind.

3. Wer ohne denkmalrechtliche Erlaubnis/Genehmigung nach Bodendenkmälern gräbt, begeht eine Ordnungswidrigkeit, die nach allen Denkmalschutzgesetzen mit hohen Geldbußen geahndet werden kann. Wer ohne
zivilrechtliche Gestattung in ein fremdes Grundstück eingreift oder Bodendenkmäler an sich bringt, kann darüber hinaus nach den Bestimmungen des Strafgesetzbuches über Sachbeschädigung und Unterschlagung bestraft werden. In den Ländern, die in ihren Denkmalschutzgesetzen ein staatliches Schatzregal eingeführt haben, das den Staat automatisch zum Eigentümer aufgefundener Bodendenkmäler macht, wird das Ansichbringen von Bodendenkmälern regelmäßig als Unterschlagung anzusehen sein.

Um weitere Schäden für die Archäologie und die Geschichtsforschung zu minimieren, appelliert das Nationalkomitee in Übereinstimmung mit den Zielen des Europäischen Übereinkommens zum Schutz archäologischen Kulturgutes an alle
Beteiligten, sich über die gesetzlichen  Bestimmungen ausreichend zu informieren und die Bestimmungen stets zu beachten:

a) Bei der Werbung für Gegenstände, die zum Aufspüren von Bodendenkmälern aus Metall verwendet werden können (Metalldetektoren, elektromagnetische Sonden) sollen stets auf die Notwendigkeit der zivilrechtlichen Zustimmung und der verwaltungsrechtlichen Erlaubnis/Genehmigung vor Eingriffen in den Boden hingewiesen werden. Das Nationalkomitee appelliert an die Hersteller und Verkäufer solcher Geräte, ihrer Verantwortung gerecht zu werden und nicht Gesetzesverletzung Vorschub zu leisten. Es appelliert auch an die Verbände und Vereinigungen der Hersteller,
hier unterstützend tätig zu werden.

b) Das Nationalkomitee appelliert weiter an die Wirtschaftsministerien des Bundes und der Länder, den Handel durch den Erlass geeigneter Vorschriften zu verpflichten, beim Verkauf von Metalldetektoren deutlich auf die bestehenden Genehmigungspflichten und die Folgen der Nichtbeachtung der einschlägigen Vorschriften hinzuweisen.

c) Das Nationalkomitee appelliert ferner an die Landesgesetzgeber, bereits die Benutzung von Metalldetektoren und ähnlichen Geräten im Gelände und überhaupt Nachforschungen nach Bodendenkmälern einer Erlaubnis- /Genehmigungspflicht zu unterwerfen, ähnlich wie sie in einigen Denkmalschutzgesetzen z.B. Brandenburg, Rheinland-Pfalz bereits eingeführt ist.

d) Das Nationalkomitee appelliert ferner an die Innen- und Justizministerien und die ihnen unterstehenden Behörden (Polizei, Staatsanwaltschaft) sowie an die obersten Forstbehörden, Raubgrabungen nach Möglichkeit zu verhindern und im Hinblick auf ihre Sozialschädlichkeit angemessen zu ahnden.

e) Das Nationalkomitee appelliert weiter an die Museen, beim Erwerb archäologischer Fundobjekte stets einen Herkunfts- und Eigentumsnachweis zu verlangen.

f) Das Nationalkomitee appelliert besonders an die Medien und an die Denkmalschutz- und -fachbehörden, bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf die bestehenden Genehmigungspflichten hinzuweisen.

g) Das Nationalkomitee appelliert schließlich an alle Bürger, die Zeugnisse der Vor- und Frühgeschichte zu achten und unerlaubte Ausgrabungen und andere Eingriffe in den Boden unter allen Umständen zu unterlassen.

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