Dennis Wagner © Andreas Gebauer

Mauerstreifen Hötensleben © MDR

2010 Journalistenpreis

Dennis Wagner

Autor, Mitteldeutscher Rundfunk (MDR)

Aus der allerjüngsten deutschen Vergangenheit gibt es wohl nur wenige bauliche Hinterlassenschaften, die so verhasst und so ungefällig sind wie die Reste des sogenannten „Antifaschistischen Schutzwalls“. Die innerdeutschen Sperranlagen zerschnitten Landschaften, Familien und Dorfgemeinschaften. Und deshalb wurden sie auch nach 1989 so schnell und gründlich entsorgt.

Das MDR-Kulturmagazin „artour“ machte sich 2009 anlässlich des zwanzigjährigen Jubiläums des Mauerfalls auf den Weg an die ehemalige innerdeutsche Grenze. In seinem Magazinbeitrag „Hötensleben – Ein Dorf und ‚seine’ Mauer“ hat der Fernsehautor Dennis Wagner einen Ort aufgesucht, an dem nach zwanzig Jahren Wiedervereinigung – bundesweit nahezu einmalig – tatsächlich noch wesentliche Teile der Mauer und ihrer Sperranlagen erhalten sind. Dass dies keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt Wagner in seinem Beitrag höchst eindrucksvoll und nachvollziehbar. Ein harter, fast handgreiflicher Kampf zwischen den Dorfbewohnern ging der Entscheidung voraus, die Grenzanlage letztendlich doch stehen zu lassen, beziehungsweise originalgetreu wieder herzurichten. Ein national bedeutendes historisches Denkmal und Mahnmal ist auf einer Fläche von 6,5 Hektar entstanden.

Historische Videoaufnahmen aus der Zeit des Streits zu Beginn der 1990er Jahre baut Wagner effektvoll und erhellend in seine Reportage ein. Er zeigt, wie traumatisch das Leben hinter der Mauer gewesen ist und wie mühsam es war, sich zu entscheiden, die monströse Anlage in Hötensleben dennoch stehen zu lassen. Der Autor bewährt sich nicht nur in der Auswahl der Zeitzeugen als stilsicherer Reporter. Besonders sein unangestrengter, stellenweise humorvoll-ironischer Kommentartext beweist die hohe filmische Qualität dieses deutsch-deutschen Jubiläumsbeitrags.

Dennis Wagner hat genau hingesehen und vermochte es, gemeinsam mit seinen Kollegen an der Kamera und im Schnitt, ein wahrhaft sperriges Denkmal mitsamt seiner schließlich erfolgreichen Bewahrer lebendig ins Bild zu setzen.
Dafür gebührt ihm der Journalistenpreis des Deutschen Preises für Denkmalschutz 2010.
 

Lebenslauf

Journalist / Fotograf seit 1991; Volontariat beim Deutschen Fernsehfunk, anschließend Arbeit für verschiedene Kinder-, Kultur- und Satiremagazine innerhalb der ARD und ihrer 3. Programme, 3-Sat und Deutsche Welle und Autor verschiedener Dokumentarfilme; 1998 - 2002 Studium an der Universität der Künste (GWK); 2007 Entwicklung, Regie und Animation der Internet-Serie: "Die Kuttner-Show" auf der Netzzeitung, diverse Trickfilm-Animationen.

Der Beitrag über das Grenzdenkmal in Hötensleben lag mir sehr am Herzen, da ich die deutsch-deutsche Grenze aus einer Innenansicht heraus kenne. Während 1988 viele meiner Freunde sich in DDR-Bürgerbewegungen organisierten, stand ich als 18-jähriger Grenzsoldat in Berlin zwischen den Mauern. Ich habe erlebt, wie aus Lehrern, künftigen Ärzten oder Handwerkern folgsame Soldaten wurden, die aus Angst vor Repressalien bereit waren, Menschen zu töten. Als einer meiner besten Freunde bei einem Fluchtversuch von Ost nach West verhaftet wurde, verweigerte ich fortan den Grenzdienst.

Wenige Jahre später waren die Grenzanlagen in Berlin fast vollständig abgerissen – der architektonische Beweis eines welthistorisch so bedeutsamen Geschichtsabschnitts war so gut wie ausgelöscht. Die Geschichten über die Trennung wurden langsam zu so etwas, wie einem Märchen aus einer alten, bösen Zeit. Doch wie soll man seinen Kindern diese absurde Mauer durch ein Land glaubhaft erklären, wenn der schwerwiegende Kronzeuge verschwunden ist?

Allein die Denkmalschützer in Hötensleben haben – gegen den massiven Widerstand eines Großteils der Dorfbevölkerung – ihre verhasste Grenze original erhalten können. Hötensleben ist kein Märchen. Hier spürt man – wie an keinem anderen Ort – die Macht und auch die Furcht des DDR-Regimes.

Preise:
1996 Bremer Fernsehpreis
1998 Cross Border Program Price
2008 Bremer Fernsehpreis
 

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