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Archiv Im Fokus: Nachkriegsmoderne

“Neue” alte Grundsätze für die Konservierung der Bauten der Nachkriegsmoderne

Kunsthalle Hamburg

Veröffentlichung: 22.04.2015, letzte Bearbeitung: 23.02.2021

Lesezeit: 18 Minuten

Der denk­mal­pfle­ge­ri­sche Umgang mit der Archi­tektur der Moderne, speziell derje­nigen der Nach­kriegs­mo­derne, ist unver­än­dert ein Thema, das der Aufklä­rung bedarf. Nur mühsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass auch Zeug­nisse der Nach­kriegs­zeit denk­mal­würdig sein können. Immer noch stößt man auf das Vorur­teil, die Denk­mal­pflege habe sich um die ehrwür­digen alten und beson­ders um die schönen Zeug­nisse zu kümmern. Obwohl es einige Archi­tek­tu­rikonen der klas­si­schen Moderne inzwi­schen geschafft haben, einen gewissen Respekt auch in der breiten Öffent­lich­keit zu erhalten, so zum Beispiel das Bauhaus in Dessau oder das Fagus-Werk in Alfeld, die beide sogar Welt­kul­tur­erbe der UNESCO geworden sind, bleibt eine große Skepsis gegen­über einem breiter ange­wen­deten Denk­mal­be­griff und einer Auswei­tung auch auf die Archi­tektur der Nach­kriegs­zeit. In der Fach­welt herrscht hier natür­lich schon lange weit­ge­hend Konsens darüber, dass die Denk­ma­l­er­fas­sung nie aufhört, man jede abge­lau­fene Dekade mit einem gewissen zeit­li­chen Abstand von etwa einer Genera­tion (30 Jahre) einer Bewer­tung zu unter­ziehen hat und jede Epoche ihr Recht auf Denk­mäler hat. Denk­mal­pflege ist nämlich greif­bare Geschichts­schrei­bung, die die mate­ria­li­sierten Zeug­nisse unserer Vergan­gen­heit zu erhalten und sich natür­lich auch um die jüngere Vergan­gen­heit zu kümmern hat. Argu­mente, dass es wohl keine gesell­schaft­liche Mehr­heit für den Erhalt von zu ihrer Zeit stadt­zer­stö­re­risch entstan­denen und sich dem gängigen Schön­heits­be­griff wider­set­zenden Bauten gäbe, kann man nicht gelten lassen. Die insti­tu­tio­nelle Denk­mal­pflege ist auto­ri­siert, ihr fach­li­ches Votum auch gegen eine gesell­schaft­liche Mehr­heit vorzu­tragen und notfalls durch­zu­setzen, denn fach­liche Erkennt­nisse brau­chen oftmals eine gewisse Zeit, bis sie sich allge­mein verbreitet haben. Dafür müssen wir durch Inwert­set­zung dieser Bauten und die Vermitt­lung ihrer spezi­fi­schen Denk­mal­werte ständig arbeiten. Es kann der Denk­mal­pflege nicht ausrei­chen, ledig­lich die Fach­welt über­zeugt zu haben, es muss ihr auch gelingen, eine möglichst breite Öffent­lich­keit von der Denk­mal­wür­dig­keit auch der Nach­kriegs­bauten allge­mein zu über­zeugen. Nur durch Denk­mal­ver­mitt­lung kann auch die Akzep­tanz für den notwen­digen Einsatz zum Erhalt dieser modernen Zeug­nisse erreicht werden. Ein demo­kra­ti­sches Grund­prinzip ist aber auch der Minder­hei­ten­schutz, den man für die noch nicht allge­mein verständ­li­chen Bauten der Nach­kriegs­zeit unbe­dingt rekla­mieren sollte.

Seit inzwi­schen weit über 20 Jahren bemühen sich die unter­schied­li­chen Einrich­tungen der Denk­mal­pflege, die Landes­denk­mal­ämter, die Verei­ni­gung der Landes­denk­mal­pfleger, das Deut­sche Natio­nal­ko­mitee für Denk­mal­schutz und die Hoch­schulen um diese Thematik. Am Beginn standen zunächst der bauge­schicht­liche und allge­meine histo­ri­sche Zeug­nis­wert im Mittel­punkt der Vermitt­lungs­be­mü­hungen. Der beson­dere Form­wille, die modernen konstruk­tiven Lösungen und ästhe­ti­schen Quali­täten sowie die program­ma­ti­schen Erschei­nungen wur- den aufge­ar­beitet, und ihr beson­derer Wert wurde begründet. Mit zu den frühesten Initia­tiven dieser Art zählt eine Fach­ta­gung im Februar 1990 in Hannover (publi­ziert als Band 41 der Schriften des Deut­schen Natio­nal­ko­mi­tees für Denk­mal­schutz), bei der neben der notwen­digen Erfor­schung der Quali­täten dieser Archi­tektur auch bereits die Probleme der Erhal­tung ange­spro­chen wurden. Für Bremen machte die Publi­ka­tion »Flug­dä­cher und Weser­ziegel« von 1990 den Auftakt dieser Bemü­hungen, die Erhal­tungs- und Denk­mal­wür­dig­keit der Nach­kriegs­ar­chi­tektur zu vermit­teln. Kaum zeigten sich erste Erfolge darin, die Quali­täts­merk­male und die Bedeu­tung moderner Archi­tektur zu vermit­teln und den Erhal­tungs­willen allmäh­lich zu verstärken, gab es Rück­schläge und Zweifel aufgrund erster Erfah­rungen mit Sanie­rungen von Bauten dieser Zeit. Uner­war­tete tech­ni­sche Probleme mit schlecht alternden Mate­ria­lien und bautech­nisch fehler­hafte Ausfüh­rungen warfen plötz­lich die Frage auf, ob die Moderne über­haupt nach den denk­mal­pfle­ge­ri­schen Grund­sätzen der Substanz­er­hal­tung und der mate­ri­al­ge­rechten Repa­ratur sanierbar sei. Stimmen wurden laut, auch aus den Reihen der Denk­mal­pfleger, dass denk­mal­wür­dige Objekte der Moderne nach einer Sanie­rung so viel Origi­nal­sub­stanz verlieren würden, dass sie nicht mehr als authen­ti­sche Denk­mäler gesehen werden können, die Unter­schutz­stel­lung von Nach­kriegs­ar­chi­tektur somit quasi sinnlos sei.

 

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Es waren nicht nur die Änderungswünsche der Nutzer und das veränderte ästhetische Empfinden, nicht nur die energievergeudenden Konstruktionen, sondern besonders die großen Probleme mit Materialermüdungen und Schäden bei Vorhangfassaden oder die großen Sanierungsprobleme bei Betonbauten, die in der Frage gipfelten: »Ist die Moderne überhaupt konservierbar?« Es war die Rede davon, dass die Moderne das Altern nicht vertrage, da sie auf eine von Architekten geformte Ästhetik festgelegt sei und Patina ihr schade. So ist im Grunde bis heute der Stand, dass man der Architektur der Moderne nachsagt, sie würde sich Sanierungen nach denkmalpflegerischen Standards verweigern. Ob dies wirklich so ist, soll im vorliegenden Beitrag erörtert werden. Dabei stellen sich die Fragen nach Substanz- und Bilddenkmalpflege, nach der Rangstufe eines Denkmals und den damit verbundenen Möglichkeiten der zukünftigen Nutzung sowie nach dem Aufwand bei Sanierungen. Zunächst muss festgestellt werden, dass es natürlich Unterschiede in der Wertigkeit von Denkmälern gibt und die Denkmäler entsprechend dieser Bedeutung behandelt werden. Obwohl (fast) alle Denkmalschutzgesetze nur eine Stufe des Denkmals kennen und die Denkmalpflege hartnäckig eine Kategorisierung ablehnt, gab es schon immer auch einen differenzierenden Umgang mit den verschiedenen Denkmälern. Mit Objekten von überregionaler, nationaler oder gar internationaler Bedeutung wird man anders umgehen können, als mit nur lokal wichtigen Zeugnissen der Ortsgeschichte. Wenn sich Stiftungen oder die öffentliche Hand der hochrangigen, herausragenden Architekturikonen annehmen, diese sozusagen den Zwängen des normalen Alltags entziehen, kann man mit ihnen anders umgehen als mit dem »normalen« Denkmal. Musealisierte Objekte, bei denen es keine oder reduzierte Nutzerwünsche und keine Nutzungszwänge gibt, Objekte, bei denen die Frage nach den Kosten der Sanierung nicht als »Gretchenfrage« nach wirtschaftlicher Zumutbarkeit im Vordergrund steht, haben es natürlich einfacher als all die anderen Denkmäler des Alltags, für die die Denkmalpflege verzweifelt eine neue Nutzung sucht, um eine wirtschaftlich vertretbare Erhaltung zu erreichen. Die bei solch herausragenden Objekten praktizierten Standards können deshalb nicht auf den Konservatorenalltag übertragen werden. Insofern ist es für das Tagesgeschäft des Denkmalpflegers auch nur bedingt hilfreich, dass sich bei exponierten Pilotprojekten die Sanierbarkeit der Moderne nach hohen denkmalpflegerischen Ansprüchen hat nachweisen lassen. Wenn zum Beispiel, von der Wüstenrot-Stiftung finanziert, die Fagus-Werke in Alfeld, die Kongresshalle in Berlin, der Kanzlerbungalow in Bonn, die Bauhaus-Gebäude in Dessau oder Wohnhäuser der Weißenhofsiedlung in Stuttgart vorbildlich und substanzschonend instand gesetzt wurden und dabei marode Putze und Oberflächen, desolate konstruktive Details oder verrottete und korrodierte Metallteile behutsam aufbereitet und restauratorisch behandelt wurden, so ist dies vorbildlich und erfreulich, ist aber nicht das Niveau, das man immer und überall erreichen kann. So viel Realitätssinn, dies zu erkennen, muss man haben.

Schaut man aber bei diesen vorbildlichen Sanierungen genauer und kritisch hin, so ist selbst bei diesen Objekten, die mit hohem fachlichen Betreuungsaufwand, großem finanziellen Engagement und dem Ziel, sie als musealisiertes Denkmal ihrer selbst von größeren Nutzungszwängen zu befreien, behandelt wurden, einiges an Substanz erneuert und ausgetauscht worden. Der Praktische Denkmalpfleger weiß genau, dass dies nicht zu vermeiden und im Grunde genommen ein normaler Vorgang ist. Reparaturen durch Substanzaustausch sind seit alters her denkmalpflegerische Methode. So sind jahrhundertelang unsere Dome von den Dombauhütten behandelt worden. An klassischen Denkmälern wird Steinaustausch entweder als kleinere Vierung oder auch großflächig betrieben, manchmal mehr, so bei schlechten und stark witternden Steinvarietäten, manchmal weniger bei harten Materialien. Wie viele Dächer an Denkmälern haben noch ihre originale Deckung? Ob Ziegel, Kupfer oder Reet, zahlreiche Dachoberflächen und auch Dachkonstruktionen mussten bei historischen Instandsetzungen oder jüngeren denkmalpflegerischen Maßnahmen ganz oder teilweise erneuert werden. Wie viele Fachwerke – zumindest die Ausfachungen – sind umfassend ausgetauscht worden, und wie viele Putze konnten nicht mehr repariert werden und sind, hoffentlich wenigstens nach historischen Rezepturen, aber dennoch neu aufgebracht worden. Wie viele Fenster sind vollständig erneuert worden, weil die Reparatur von stark geschädigten Hölzern nicht mehr möglich war. Dabei spielt es eigentlich keine Rolle, ob das alte Fenster 300 Jahre, 100 Jahre oder nur 60 Jahre gehalten hat. Neu ist neu! Immer wieder huldigen wir der Substanz und übersehen dabei, dass wir es oftmals mit bereits umfassenden Erneuerungen des 19. oder frühen 20. Jahrhunderts zu tun haben, wir also ohnehin nur noch die Kopie oder Rekonstruktion pflegen. Dies sind die berühmten Zeitschichten, die wir bewusst würdigen, da sie Umgangsspuren nachbauzeitlicher Phasen sind und deshalb einen eigenen Denkmalwert besitzen können. Nun werden wir gezwungen, eine material- und bildgerechte neue Schicht durch Erneuerung hinzuzufügen. Dies werden die Schichten des frühen 21. Jahrhunderts. Aber selbstverständlich bleibt dennoch der Grundsatz bestehen, solange wie möglich die Originalsubstanz, oder sagen wir besser die alte Substanz, zu halten und sie erst, wenn es nicht mehr anders geht, auszutauschen.

Dies bedeutet, dass wir eigentlich keine veränderten denkmalpflegerischen Grundsätze für Bauten der Moderne brauchen, sondern wir müssen diese bestehenden Grundsätze flexibel anwenden, und wir dürfen uns nicht selbst etwas vormachen. Eine dogmatische Substanzdenkmalpflege war immer eine Fiktion, denn zum Grundsatz der Reparatur gehörte auch der Austausch von abgängigen Materialien und Details. Und Denkmalpflege war somit immer die Gratwanderung zwischen Substanzdenkmalpflege und Bilddenkmalpflege. Damit soll nicht leichtfertig dem großflächigen Austausch von Originalsubstanz das Wort geredet werden, schon gar nicht, wenn es nur um Patina oder Alterserscheinungen geht. Wenn aber nach sorgfältiger Prüfung und Abwägung aller Umstände (bautechnischer Zustand, Denkmalwert, zukünftige Nutzung und wirtschaftliche Möglichkeiten) festgestellt wird, dass eine großflächige Erneuerung notwendig ist, um das Denkmal in seiner Erscheinung zu bewahren, so muss dieser Weg beschritten werden. Dies gilt aber ausdrücklich nicht, um die Alterungsspuren zu beseitigen und die über die Architekturfotografie uns vermittelte Neubauästhetik, die das Bild der Moderne prägt, wiederherzustellen.

Und keinesfalls darf die Sanierungsproblematik als Vorwand genommen werden, der Moderne, speziell der Nachkriegsmoderne, die Denkmalfähigkeit grundsätzlich abzusprechen. Dies gilt umso mehr, als die Moderne selbst das handwerklich individuell Geschaffene zurücktreten ließ gegenüber den industriell und seriell hergestellten Teilen des Bauwerks. Somit kann auch eine technisch reproduzierte Wiederherstellung der Fassade ebenso gerechtfertigt werden, wie man zum Beispiel die Erneuerung eines Kalkputzes befürwortet, wenn er nach historischer Rezeptur und nach überlieferten Methoden aufgebracht wird. Denkmalpflegerische Grundsätze sind also auch auf die Moderne anwendbar, und genau dies wird von pragmatischen Denkmalpflegern inzwischen betrieben.

Denkmalpflegerische Grundsätze sollten nicht theorielastige Gedankenkonstrukte sein, die in der aktuellen Praxis nicht umsetzbar oder an manchen denkmalwürdigen Zeugnissen nicht wirklich anwendbar und durchzuhalten sind und damit ganze Denkmalgruppen ausgrenzen würden. Mit der Veränderung der Denkmalwelt müssen sich auch die Grundsätze verändern. Es sollten sich also vielmehr aus den konkreten praktischen Anforderungen heraus angepasste Grundsätze bilden, die dann wiederum allgemeine Anwendung finden können. So geschah es auch Ende des 19. Jahrhunderts, als die bekannten und berühmten Protagonisten unseres Faches an konkreten Fällen Fehlentscheidungen und falsches Handeln zum Nachteil von Denkmälern zum Anlass nahmen, Grundsätze zu formulieren, die sich an den aktuellen Gegebenheiten orientierten. Diese entwickelten Positionen haben sich weitestgehend bewährt und sollten auch nicht grundsätzlich infrage gestellt werden, dürfen aber von Zeit zu Zeit darauf überprüft werden, ob sie eventuell kleinerer Korrekturen bedürfen. Anlass hierfür sind Umstände und Entwicklungen sowie Probleme, von denen zum Beispiel ein Georg Dehio noch nichts ahnen konnte. Die Rahmenbedingungen haben sich vielfach verändert, und die Denkmalpflege als Teil unserer Gesellschaft muss sich auch auf diese Veränderungen einlassen. Dazu zählen wirtschaftliche, rechtliche, bautechnische und gesellschaftliche Fragestellungen. Alles steht in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis, und es muss eine Abwägung aller Faktoren erfolgen. Unter Berücksich tigung der aktuellen Rechtsprechung, gerade was die wirtschaftliche Zumutbarkeit betrifft, und unter Berücksichtigung eines zu Recht erweiterten Denkmalbegriffs und der damit einhergehenden Differenzierung zwischen Denkmälern lokaler Bedeutung und solchen von nationalem oder internationalem Rang, werden auch die Anforderungen abzustufen sein. Wenngleich die Denkmalpflege die geschichtlichen Abläufe letztlich immer nur exemplarisch abbilden und dokumentieren kann, versteht man eine Epoche nicht, wenn man nur deren Leuchttürme erhält und die Dokumentation auf zu wenige Denkmäler beschränkt. Man braucht vielmehr ergänzend immer auch den Erhalt von Zeugnissen aller Lebensbereiche, aller Bautypen und aller lokaler Besonderheiten, um die Komplexität menschlicher Lebensumstände erinnerbar zu halten. Architekturikonen können dabei immer noch eine Sonderstellung einnehmen, aber sie dürfen nicht allein stehen. So war es natürlich klar, dass sich an dem mit externer finanzieller Unterstützung zum Museum der Geschichte umfunktionierten Kanzlerbungalow in Bonn die Nutzung an den Bestand anzupassen hatte. Hier wurde ein herausragendes historisches Zeugnis inszeniert. Wenn man aber den Denkmalschutz der Nachkriegszeit nicht allein auf solche herausragenden Zeugnisse beschränken will – und das kann im Ernst niemand wollen – sondern auch die besonderen, aber doch nur regional wichtigen Bauten erhalten möchte, so muss man abgeschwächte Standards entwickeln und angepasste und modifizierte Umgangsgrundsätze akzeptieren. Dabei wird es eine Verschiebung von der Substanzdenkmalpflege zur Bilddenkmalpflege geben müssen, was, wie oben beschrieben, angesichts einer immer wieder doch praktizierten großflächigen Erneuerung von Teilen auch bei klassischen Denkmälern wahrscheinlich noch nicht einmal einen Widerspruch zu bisherigen denkmalpflegerischen Grundsätzen darstellt.

Die meisten Denkmäler müssen, wenn sie eine Erhaltungschance haben wollen, sinnvoll genutzt werden, und dabei sind neben der Wirtschaftlichkeit und den spezifischen Nutzerwünschen heutzutage u. a. Probleme des Brandschutzes, des Schall- und Wärmeschutzes, übrigens auch der Barrierefreiheit, wichtige zu berücksichtigende Anliegen. Deutschlandweit gibt es viele erfolgreiche Ansätze, auch an den problematischen Bauten der Nachkriegsmoderne mit Reparatur und restauratorischen Methoden die Materialvielfalt und die schwierigen Alterungsprozesse denkmalgerecht zu behandeln und Verbesserungen auch gerade im energetischen Bereich zu erreichen. Auch in Bremen konnte das Landesamt für Denkmalpflege Erfahrungen sammeln, bei denen deutlich wurde, dass bei zeitgemäßer und wirtschaftlicher Nutzung der Denkmäler ein gewisses Abweichen von denkmalpflegerischen Wunschvorstellungen unvermeidbar ist. So waren Kompromisse unerlässlich, dank derer aber wichtige Zeugnisse der Nachkriegsarchitektur erhalten und zeitgemäße Nutzungen gefunden wurden. Diese Kompromissfähigkeit hat sich an einigen Sanierungsprojekten in Bremen geschärft, bei denen immer mit großer Nachdenklichkeit die Frage gestellt wurde, wie viel Substanz kann mit vertretbarem Aufwand erhalten werden und wie hoch sind der Bildwert und die historische Botschaft im Gegenzug einzuschätzen.

Jeder Praktische Denkmalpfleger kennt die verheerenden Zustände der unterschiedlichen Materialien, die gerade an Vorhangfassaden anzutreffen sind. Immer wieder sind es Korrosionen und Materialermüdungen von metallischen Fassadenelementen oder starke Korrosionsprobleme von Betonbewehrungen an Nachkriegsbauten. So waren die Betonbrüstungen am Aalto-Hochhaus in der Neuen Vahr, das 1960 bis 1963 als 22-geschossiges Wohnhochhaus für alleinstehende Berufstätige als ein sogenanntes Feierabendhaus errichtet wurde, so schwerwiegend, dass große Teile der mit Carrara-Marmor durchmischten Betonwerksteine nachgegossen und ersetzt werden mussten. Am ehemaligen Amerikanischen Generalkonsulat, das 1952 bis 1953 von dem berühmten Büro Skidmore, Owings & Merrill als Verwaltungsgebäude für die amerikanische Besatzungsmacht erbaut wurde, waren die dem schlanken Stahlskelettstelzenbau vorgehängten Fassadenelemente als Stahlrahmenkonstruktion verzogen, korrodiert und verrottet, sodass auch hier ein großflächiger Austausch der kompletten Fassadenelemente notwendig wurde. Die historische Botschaft dieses Bauwerks sowie die technische Konstruktion lassen sich aber auch an diesem somit sehr stark erneuerten Gebäude nachvollziehen. Ähnliches begegnete der bremischen Denkmalpflege bei der Sanierung des Staatsarchivs, eines modernen Funktionsbaus, der 1964 bis 1967 nach Plänen von Alfred Meister errichtet wurde. Hier sind sowohl das Verwaltungsgebäude, ein Atriumbau mit einer vorgehängten Aluminiumfassade, als auch der eigentliche Archivturm, der mit persischen Travertin-Platten verkleidet war, umfangreich erneuert worden. Material- und konstruktionsgerechte Erneuerung war der einzige Weg, dieses Bauwerk der Nachwelt zu erhalten.

Es ist und bleibt eine Gratwanderung und eine Abwägung, die im Einzelfall getroffen werden muss. Ziel der Denkmalpflege muss es bleiben, so viel wie möglich Originalsubstanz zu erhalten und dies durch Reparatur zu erreichen. Dennoch wird es im Konservatorenalltag auch immer wieder unumgänglich sein, bei Zeugnissen der Nachkriegsarchitektur einen großflächigen Austausch von Substanz zuzulassen, um die historische Botschaft, die konzeptionelle Idee und das Bild dieser Architektur für die Nachwelt weiterhin erlebbar zu machen.

Georg Skalecki, Arbeitsgruppe Recht und Steuerfragen