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Im Fokus: Unbequeme Denkmale

Tagung “Zugang gestalten” 2021

Zugang gestalten Bartetzky

Veröffentlichung: 30.11.2021, letzte Bearbeitung: 30.11.2021

Lesezeit: 7 Minuten

Vom 3.–5. November 2021 fand in der Deut­schen Natio­nal­bi­blio­thek in Frank­furt am Main die Konfe­renz „Zugang gestalten“ statt. Zu dieser versam­meln sich jähr­lich Kultur­schaf­fende verschie­dener Sparten, um sich über aktu­elle Themen auszu­tau­schen. Die Tagung wird in Koope­ra­tion vieler Partner, unter anderem dem Deut­schen Natio­nal­ko­mitee für Denk­mal­schutz, auf Initia­tive von Dr. Paul Klimpel und dem Verein iRights organisiert.

2021 widmete sich die Tagung dem „schwie­rigen Erbe“. Mit kriti­schem Blick auf die Medi­a­li­sie­rung von Fotos, Filmen, Archivgut und Muse­ums­ob­jekten wurde deut­lich, dass belei­di­gende und propa­gan­dis­ti­sche Inhalte häufig bereits im Netz zu finden sind, während sich Archive und Museen noch mit den ethi­schen Über­le­gungen zur Veröf­fent­li­chung und den Möglich­keiten der Kommen­tie­rung und Kontex­tua­li­sie­rung befassen. Daher sollte die Proble­matik des kommen­tierten Zugangs schon bei der Erstel­lung des Digi­ta­li­sats verhan­delt werden, nicht erst mit dessen Bereit­stel­lung. Soll man proble­ma­ti­sche Fotos, Filme, Zeitungen und Doku­mente deshalb in Gift­schränke sperren? Einhellig kamen die Tagungs­teil­nehmer zu dem Schluss, dass der Zugang nicht verhin­dert werden könne, sondern gestaltet werden müsse. Dr. Ingo Zechner sprach in diesem Zusam­men­hang von digi­talem Kura­tieren bzw. von der kura­to­ri­schen Inter­ven­tion. Die Tagung offen­barte, dass die vertre­tenen Profes­sionen sich grund­sätz­lich mit den glei­chen Frage­stel­lungen befassen. Während Museums- und Archiv­schaf­fende jedoch in der Regel noch aktiv darüber entscheiden können, was sie digi­ta­li­sieren und zudem veröf­fent­li­chen, können Denkmalpfleger*innen dieses Regu­lativ nicht anwenden, denn Denk­male stehen im öffent­li­chen Raum und sind frei zugänglich.

In einem Panel zur Denk­mal­pflege ging es daher zunächst um das Phänomen der Wegnahme von provo­zie­renden Inhalten durch Denk­mal­stürze bspw. in den ehemals sozia­lis­ti­schen Ländern des Ostblocks und die aktu­ellen Angriffe auf kolo­niale Denk­male welt­weit, eindrucks­voll darge­stellt von Prof. Dr. Arnold Bartetzky (Mitglied der AG Öffent­lich­keits­ar­beit im DNK). Er schil­derte diese Aktionen als zivil­ge­sell­schaft­liche Inter­ven­tion auf die Top-Down Erfah­rungen mit Regie­rungen und als Abbild der Über­win­dung alter Systeme, wies aber auch auf die damit verbun­dene Imple­men­tie­rung neuer Macht­an­sprüche hin.

In Vertie­fungs­gruppen widmeten sich die Tagungs­teil­nehmer vor Ort und an den Bild­schirmen zu Hause im Folgenden der (stadt­räum­li­chen) Wahr­neh­mung von, und den Vermitt­lungs­mög­lich­keiten an Denk­malen. Am Beispiel der Gedenk­stätte Börne­platz­syn­agoge Frank­furt am Main (Sonja Thaeder und Tanja Neumann, MetaHub, Jüdi­sches Museum Frank­furt am Main) und dem Doku­men­ta­ti­ons­zen­trum Reichs­par­tei­tags­ge­lände Nürn­berg (Florian Dierl) wurden aktive Inter­ven­tionen und zeit­ge­mäße Zugänge aufge­zeigt. Dabei wurde deut­lich, dass die Schwie­rig­keit darin besteht, leben­dige Vermitt­lungs­for­mate umzu­setzen und trotz aller Event­kultur den Opfer­gruppen gerecht zu werden, kurz: ein nied­rig­schwel­liges Angebot zu ermög­li­chen ohne zu banalisieren.

Parti­zi­pa­tion hatten sich gleich zwei Work­shops zur Diskus­si­ons­grund­lage gemacht. Dr. Frie­de­ricke Landau-Donelly und Ulrike Wend­land (Geschäfts­füh­rerin des DNK) erar­bei­teten mit den Tagungsteilnehmer*innen notwen­dige grund­le­gende Elemente für Parti­zi­pa­tion. Voraus­set­zung für den Zugang zum Denkmal ist dabei dessen Anwe­sen­heit. Die Anwe­sen­heit ermög­licht die Diskus­sion um das Denkmal und die dabei aufge­zeigten Konflikte führen zur Reflek­tion. Dieser Prozess benö­tigt jedoch entspre­chende Ressourcen, um produktiv und nach­haltig an dem Gedenkort zu arbeiten. Dieser Umgang führt zu einem mehr­fach mit Bedeu­tung belegtem Erin­ne­rungsort, der auch die verschie­denen Zugänge zum Thema aufweist.

 

Dass Kunst dabei ein Türöffner sein kann zeigte der Work­shop mit Ellen Blumen­stein (Imagine the City) und dem Künst­lerduo Various & Gould (Monu­mental Shadows). Durch künst­le­ri­sche Inter­ven­tion werden Sehge­wohn­heiten aufge­bro­chen und Miss­ver­hält­nisse deut­lich. Die vielen künst­le­ri­schen Mittel geben dabei mannig­fache Zugänge frei und erlauben die Betei­li­gung von Betrof­fe­nen­gruppen. Eine spon­tane Reak­tion auf Kunst ermög­licht auch die weitere Kommu­ni­ka­tion mit dem Betrachter. Um diese Aufgaben zu erfüllen müsste Kunst lang­fristig in die Stadt­ent­wick­lung einge­bunden werden und die Kommen­tie­rung von Denk­malen dauer­haft und verhält­nis­mäßig sein. Gerade bei sehr raum­grei­fenden Denk­malen stellt sich die Frage, in welcher Form eine Kommen­tie­rung Sinn macht und ob diese über­haupt die Monu­men­ta­lität brechen kann oder ob das Denkmal nicht doch, wenn nicht wegge­räumt so doch wenigs­tens als Land­marke gefällt werden müsste.

Groß­ge­füge im Stadt­raum stellen die Denk­mal­pflege regel­mäßig vor Heraus­for­de­rungen, so auch ehema­lige Bunker­an­lagen. Diese verlieren bei der Umnut­zung oftmals ihre typi­schen Eigen­schaften und Erken­nungs­merk­male. An Beispielen aus Frank­furt (Dr. Stefan Timpe) und Hamburg (Kris­tina Sassen­scheidt, Mitglied der AG Denk­mal­ver­mitt­lung im DNK) wurde aufge­zeigt, wie es gelingen kann solche Objekte stadt­räum­lich einzu­binden und trotzdem die Bedeu­tung dieser Anlagen erfahrbar zu erhalten.

Graphic-Record­ings zu den Workshops

Aufgrund der aktu­ellen Ereig­nisse im Kultur­be­trieb stand neben den natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Hinter­las­sen­schaften der Kolo­nia­lismus im Mittel­punkt der Debatten. Für den Bereich der Museen stellte Prof. Dr. Markus Hilgert (Mitglied der AG Denk­mal­ver­mitt­lung im DNK) die „3‑Wege-Stra­tegie” von Bund, Ländern und kommu­nalen Spit­zen­ver­bänden zum Umgang mit kolo­nialem Erbe vor. Zentrales Ziel hierbei sei es, den euro­zen­tris­ti­schen Ansatz zu brechen. Chris­to­pher Nixon (Kurator für kolo­niale Vergan­gen­heit und post­ko­lo­niale Gegen­wart in der Stif­tung Histo­ri­sche Museen Hamburg) ging weiter und forderte einen Para­dig­men­wechsel in der bürger­lich geprägten Muse­ums­struktur. Auch in den Univer­si­täten sei ein post­ko­lo­nialer Diskurs lange noch nicht angekommen.

Für das archäo­lo­gi­sche Erbe beschrieb Prof. Dr. Frie­de­rike Fless vom DAI eindrucks­voll, wie indi­gene Kultur­denk­male und archäo­lo­gi­sche Fund­stätten durch die „Selfie­sucht“ und durch Sonden­gänger bedroht werden. Der Über­nut­zung von Welt­erbe­stätten hat man nicht viel entgegen zu setzen, außer einer Zugangs­be­schrän­kung. Sondeln kann man durch die unge­naue Angabe von Koor­di­naten der Fund­orte vorbeugen. Um indi­genen Völkern die Hoheit über ihre Daten (zurück) zu geben haben sich Verei­ni­gungen in der GIDA zusammengeschlossen.

Die Tagung leis­tete einen Beitrag zur öffent­li­chen Ausein­an­der­set­zung in unserer huma­nis­ti­schen Gesell­schaft, die von Viel­falt und Tole­ranz geprägt ist. Aller­dings ist noch viel zu tun: Viel­falt und Diver­sität unserer Gesell­schaft sind noch nicht ausrei­chend in den Insti­tu­tionen abge­bildet und Parti­zi­pa­tion ist struk­tu­rell kaum veran­kert, so dass es weiterhin auch auf das Enga­ge­ment Einzelner ankommt, sollen Themen von Minder­heiten gesamt­ge­sell­schaft­lich berück­sich­tigt werden.

 

Tagungs­pro­gramm

Tagungs­do­ku­men­ta­tion

 

Corinna Tell (Geschäfts­stelle des DNK)