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30.06.2018

Pressemitteilung

Journalistinnen und Journalisten entdecken die Architektur der 1960er und 70er Jahre

Auf Einladung des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz (DNK) reisten 19 bundesweit tätige Medienvertreter durch das Ruhrgebiet und die Landhauptstadt Düsseldorf, um die Architektur der Moderne 1960+ in Nordrhein-Westfalen kennenzulernen. Begleitet wurden sie von Expertinnen und Experten der Denkmalpflege und Baukultur, die sich in ihren Institutionen intensiv mit den Gebäuden dieser Zeit beschäftigen. Involviert waren Vertreterinnen und Vertreter des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR), des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), der Unteren Denkmalbehörden der Städte Dortmund, Marl und Düsseldorf als auch der Landesinitiative StadtBauKultur NRW.

Die Route stellte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein großes Spektrum der Bauaufgaben der damals noch jungen Bundesrepublik vor, die durch das unerwartet schnelle Wachsen der Wirtschaft geprägt war. Die Zeit des „Wirtschaftswunders“ war auch die Zeit des Bauens. In den im Wiederaufbau begriffenen Städten entstanden Rathäuser, Kulturbauten, Bildungsbauten, Wohnkomplexe und viele Kirchen. Gebaut wurde in der Stadt und auf dem Land. Auf dem Programm der Pressefahrt standen unter anderem das Sonnensegel im Dortmunder Westfalenpark, das Rathaus sowie die Hügelhäuser und die Scharounschule in Marl. Das Dreischeibenhochhaus, das Düsseldorfer Schauspielhaus und die Kunsthalle wurden am zweiten Exkursionstag besichtigt. Zu den Zielen in Düsseldorf gehörten außerdem die Wohnanlage Münsterpark, das Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik sowie das Verwaltungsgebäude Rank Xerox.

„Die große Resonanz auf unsere Einladung zeigt, dass wir ein aktuelles und wichtiges Thema der Denkmalpflege und der Stadtentwicklung gewählt haben. Die Architektursprache der 1960er- und 1970er-Jahre polarisiert zeitweilig die Gemüter – sie ist in mancherlei Hinsicht ein unbequemes Erbe. Aber sie ist zweifelslos gebautes Kulturerbe, das den öffentlichen Raum prägt und gegenüber dem wir uns als Gesellschaft verhalten müssen. Zeigen sich doch in der Nachkriegsmoderne außergewöhnlich viele grenzüberschreitende Verbindungen nach ganz Europa – und darüber hinaus. “ erklärte Dr. Uwe Koch, Leiter der Geschäftsstelle des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz.

Die Landeskonservatorin des Rheinlandes Dr. Andrea Pufke und Dr. Holger Mertens, Landeskonservator für Westfalen-Lippe unterstrichen die Bedeutung der direkten Begegnung mit den Objekten: „In vielen Fällen lassen sich die historischen und architektonischen Qualitäten dieser Bauten erst vor Ort erleben. Durch bewusstes Betrachten der Architekturen können – im Alltag oft übersehene – wichtige Details entdeckt werden. Eine Exkursion mit kompetenten Erläuterungen verschafft die besten Möglichkeiten zum persönlichen und informativen Zugang.“

Mertens und Pufke begrüßten die Möglichkeit, den Blick der Denkmalpflege auf diese vergleichsweise jungen Objekte erläutern zu können. Diese heute oftmals nicht beliebten Bauten seien ein gleichwertiger Teil der Architekturgeschichte, den es zu schützen und zu bewahren gelte. Dabei sei es unter anderem Aufgabe von Denkmalpflegern, die Spreu vom Weizen zu trennen. „Nur Objekte mit hohem Zeugniswert sollen für die Nachwelt erhalten bleiben“, betonten die Landeskonservatoren.

Dr. Andrea Pufke, Landeskonservatorin des Rheinlands, warb dafür, die Architektur der Nachkriegsmoderne nicht vorschnell als „hässlich“ zu deklarieren und dann leichtfertig aufzugeben. „Diese Bauten sind Zeugnisse einer technikgläubigen Zeit, gebaute Zukunftsentwürfe, die dem Gedanken der Rationalisierung unterworfen wurden und dem Verkehr freie Bahn gaben. Die Verwaltungsbauten, Hochhäuser, Straßen und neuen Stadtviertel entstanden nicht zufällig, sondern nach öffentlichen Debatten und als Ergebnisse von Architekturwettbewerben aus der Überzeugung, dass so die Zukunft der Städte aussehen solle. Wenn wir diese Zeitschicht einstampfen, löschen wir nicht nur ein Stück Geschichte aus, sondern nehmen vielen Menschen auch wichtige Identitätsorte, die für sie Heimat bedeuten.“

Dr. Holger Mertens Landeskonservator Westfalen-Lippe plädierte dafür, auch über die Haltung der Bauherren und Architekten nachzudenken: „Diese Objekte sind gebaute Zeichen des gesellschaftlichen Umbruchs in den Nachkriegsjahren. Sie spiegeln vor allem den Willen der öffentlichen Bauherren, den Menschen mit großzügig angelegten und eng miteinander verknüpften Außen- und Innenräumen Möglichkeiten des offenen Miteinanders zu ermöglichen. An vielen Bildungsorten, Rathäusern, Kirchen, Bürger- und Kulturhäusern sind diese Räume auch mit Kunst am Bau ausgestattet. Das Bauen verfolgte auch einen sozialen Auftrag. Die Produkte sind Zeichen für einen großen Idealismus. Daher ist es wichtig, auch diesen Teil unserer Geschichte im „Hier und Jetzt“ zu reflektieren - denn es sind längst noch nicht alle Forschungsfragen gestellt. Ein Grund mehr, diese wichtigen Zeitzeugen zu erforschen und für zukünftige Generationen zu erhalten.“

Im Rahmen einer Podiumsdiskussion hatten die Journalistinnen und Journalisten Gelegenheit, verschiedene Perspektiven zur Frage des Umgangs mit diesen Bauten kennenzulernen. Gäste waren unter anderem die Baudezernentin der Stadt Düsseldorf Cornelia Zuschke, Anne Katrin Bohle vom Bau-Ministerium sowie Heiner Farwick, Präsident des Bund Deutscher Architekten. Die niederländischen Denkmalpfleger Anita Blom und Ben de Vries gaben Einblicke in die Sichtweise unseres Nachbarlandes.

Die Denkmalpfleger teilen ihre Faszination mit vielen Initiativen, die sich allerorten für die Architekturen der 1960er- und 70er-Jahre stark machen. „Die Geschichte hat schon oft gezeigt, dass sich die Vorlieben für bestimmte Bauepochen ändern. Viele bauliche Zeugnisse, die uns heute wichtig sind, wurden in der Vergangenheit abgelehnt. Zuletzt die Bauwerke der Gründerzeit, die noch bis in die 1970er Jahre im großen Stil beseitigt wurden. Nun ist es höchste Zeit, die Architektur der Nachkriegszeit zu rehabilitieren, bevor sie verschwindet,“ kommentierte Tim Rieniets von der Landesinitiative StadtBauKultur NRW. „Das ist auch die Motivation für unsere Kampagne Big Beautiful Buildings, die wir momentan mit der TU Dortmund durchführen. Mit dieser Kampagne sprechen wir gezielt die Öffentlichkeit an und versuchen sie für die Geschichte und die baulichen Qualitäten der Nachkriegsarchitektur zu gewinnen.“ Big Beautiful Buildings wird als national bedeutsamer Beitrag zum Europäischen Kulturerbejahr 2018 durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert und bietet zahlreiche Veranstaltungen, Auszeichnungen und Exkursionen an.

„Es ist auch die Aufgabe von Denkmalpflegern, die Qualitäten von baukulturellen Werten zu vermitteln. Die Pressefahrt war eine großartige Gelegenheit hierauf aufmerksam zu machen. Um eine nachhaltige Wertschätzung für die Bauten dieser Zeitschicht zu erreichen, müssen wir mit geeigneten Formaten wie Big Beautiful Buildings noch viel stärker in die Breite kommunizieren,“ so Dr. Uwe Koch als Veranstalter der Pressefahrt.


Hinweis

Mehr als 350 Projekte sind bereits als offizielle Beiträge zum Europäischen Kulturerbejahr (Motto: SHARING HERITAGE) ausgewiesen. Deutschlandweit beschäftigen sich gleich mehrere Vorhaben mit der Architektur der Nachkriegsmoderne. Ein Übersicht zu den Aktivitäten im Kulturerbejahr finde sich hier: http://sharingheritage.de

Einblicke in alle Aktivitäten der Fachämter sind unter folgendem Link ersichtlich:
http://www.lwl.org/dlbw/service/projekte/moderne-1960-plus
http://denkmalpflege.lvr.de/de/startseite.html


Pressekontakt:
Herr Björn Bernat
Geschäftsstelle des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz
bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien – K54
bjoern.bernat@bkm.bund.de
030 32091-776
0160 - 96611204

 

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